Dienstag, 10. April 2012

s essn

 

Essen vor der Erfindung der Tiefkühlpizza


Zu behaupten, es gäbe eine eigenständige St.Pöltner Küche, ist natürlich Unfug. 1848 hatte St.Pölten gerade mal 4500 Einwohner, erst nach der einsetzenden Industrialisierung stieg die Bevölkerung sprunghaft auf eine Größe von fast 22000 im Jahr 1922.
Die Küche in der Stadt war daher hauptsächlich die Küche einfacher Industriearbeiter. Die St.Pöltner aßen, was auch im Umland und in Wien gegessen wurde: die Österreichische und Böhmische Küche.

Die Reihenfolge war immer Suppe - Hauptspeise (-Nachspeise) Andere Vorspeisen außer Suppe waren selten, manchmal gab es sogar Mehlspeisen als Hauptspeise. Ein Salat war immer dabei. Ja und die Getränke bekamen wir als Kinder immer erst nach dem Essen.

subbm (Suppe)


a schdoosubbm [ˈʃto:sub:m] - Stohsuppe. Für die Zubereitung wird Wasser mit Kümmel aufgekocht, Sauermilch und Sauerrahm mit dem Mehl glattgerührt, in das kochende Wasser eingerührt und mit Salz und Pfeffer abgeschmeckt. In der Suppe können auch kleine Kartoffelstücke mitgekocht werden.


gulaschsubbm - Gulaschsuppe. In Ungarn wird ausschließlich die Suppe mit „Gulyás“ bezeichnet, das im deutschen Sprachraum mit „Gulasch“ benannte Schmorgericht heißt jedoch Pörkölt.

baradeissubbm - Tomatensuppe

rindsubbm oder hendlsubbm - Rindsuppe, Hühnersuppe

eidrabfds [ˈɛ̃dʀapfts] - Eintropfsuppe (oder Einlaufsuppe, wie sie in D genannt wird - nein, auch dort wird sie über den Mund zugeführt). Aus Ei und Mehl wird eine zähflüssige Masse gerührt und in die kochende Suppe getropft.

Weitere beliebte Suppeneinlagen waren

boggeabsn [ˈbɔg:əɐbsn] - Backerbsen werden seit den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts wohl nur mehr fertig gekauft.
griasnoggal [ˈgʀiɐsnog:aɫ] - Grießnockerl (in D: Grießklößchen)
lewagnedl [ˈlevagnedɫ] - Leberknödel (in Böhmen: játrové knedlíčky)
fridaddn [fʀiˈdad:n] - Frittaten (Achtung, das a ist kurz und betont, also eigentlich sollten sie Fridatten heißen ;-) in D: Flädle- oder Pfannkuchensuppe genannt, in Ungarn palacsintatésztaleves. Eierkuchen, also Palatschinken, werden gerollt und geschnitten und kurz vor dem Essen in die Suppe gegeben.  
lungenschdrudl - Lungenstrudel besteht aus einem Strudelteig, der mit faschiertem Beuschel (also Lungenhaschee) gefüllt ist.

haubdschbeis (Hauptspeise)


eibrende fisoin [ˈɛ̃bʀendə fiˈsoɪn] - grüne Bohnen in Einbrennsauce. Aus einer Einbrenne (Mehlschwitze) und Suppe wird eine Sauce gemacht, in die die gekochten Fisolen gerührt werden.
kööch [kœ:ç]- Kohl, in D: Wirsing. Meistens auch eibrend (eingebrannt) 
kochsolod - Kochsalat ist Römersalat als Gemüse gedünstet. 
kafioe - Karfiol (D: Blumenkohl) 
schmoan, eadöbfeschmoan oda keisaschmoan - Schmarrn gabs immer wieder auch als Hauptspeise. Der berühmte Kaiserschmarrn ist ein Teig aus Milch, Eiern und Mehl, der in Butter gebacken und dann in kleine Stücke zerteilt wird. Was nicht fehlen darf: Staubzucker. Worüber schon Ehen zerbrochen sind: Rosinen ja oder nein.
geamgnedl - Germknödel sind große Knödel aus Hefeteig, gefüllt mit Powidl (aus tschechisch povidla -  ein Mus, das aus den Früchten der Zwetschke hergestellt wird) und mit Mohn, Staubzucker und zerlassener Butter übergossen.
 
Häufig nur am Wochenende gab es Fleisch: rindfleisch, schweinanes (Schweinefleisch), hendlfleisch (Hühnerfleisch), aber auch: a köwanes (Kalb), a schöbbsanes (Hammel), an kiniglhosn (Kaninchen), an indian (Truthahn), a anddn (Ente), a wüüd (Wildbret) - öfters aber auch Fisch.

schnizl - schweinsbrodn - gulasch ist die heilige Dreifaltigkeit in unserer Küche:

schnizl - Schnitzel wurden meist als Wiener (jedoch vom Schwein anstatt vom Kalb) gebacken, also mit einer Panier aus Brösel, dazu eadebbfe (Kartoffeln). Auf das Fleisch ein paar Tropfen Zitrone, das wars. Daneben gab es aber auch nadurschnizl, rindsschnizl und hendlschnizl 

schweinsbrodn [ˈʃvɛnsbʀɔdn] - Schweinsbraten (in D: Schweinebraten) Idealerweise von der Schulter, immer kräftig mit Kümmel und Knoblauch gewürzt. Ohne Kümmel findet man den Schweinsbraten nur westlich von Oberösterreich - also in einer Gegend, von der man getrost annehmen kann, dass man ihn dort nicht richtig zubereiten kann.
In unserer Gegend sind Semmelknödel oder Serviettenknödel als Beilage Pflicht (Kartoffelknödel sind nur in Ausnahmefällen erlaubt)

gulasch oder auch golasch ausgesprochen - das bekannte Gulasch. Obwohl das Wort aus dem ungarischen stammt (Gulyás), heißt dort das Gulasch Pörkölt. Gulasch ist ein Ragout, das aus Rind- oder Schweinefleisch, auch kombiniert, zubereitet wird. Bei allen Rezepten spielen Paprika und Zwiebeln, Kümmel und Knoblauch eine wesentliche Rolle. (Alles was in Deutschland als Gulasch angeboten wird und keinen Paprika oder Kümmel enthält, ist kein Gulasch!)
Der große Vorteil von Gulasch ist: es wird mit jedem Aufwärmen besser!

schdözzn [ʃtœ̆tsn] - die Schweinsstelze ist in Bayern als Schweinshaxe und in Deutschland als Eisbein bekannt. Bei uns wird sie im Backofen (im "Rohr") zubereitet, wodurch sich die Schwarte in eine wunderbar mürbe Kruste verwandelt.

graudfleisch - Krautfleisch ist Schweinefleisch in Sauerkraut gedünstet.
reisfleisch - Reisfleisch  ist ein Gulasch, das mit Reis fertiggedünstet wird
karee [kaˈʀə:] - Karree nennt man in der Pfanne oder auf dem Grill gebratene Rippenstücke. Man sagt auch  kodledd [kɔdˈɫət] - Schweinskotelette dazu 
beischl - Beuschel  ist Lungenhaschee und wie alle Innereien nicht jedermanns Sache. Siehe dazu auch: http://www.spiegel.de/reise/staedte/0,1518,488779,00.html 
suiz - Sülze  Schweineschwarten, -füße oder -schweife in Aspik. Naja, auch nicht jedermanns Sache.
gresde lewa - heißt geröstete Leber (es soll aber auch schon anders verstanden worden sein - ein Mann bestellt im Lokal: hea owa! i hed gean di gresde lewa. Darauf sein Freund: nau daun bringans mia hoid di zweiddgresde!)

rindsroladen - Rindsrouladen. Fast jede Hausfrau (und wahrscheinlich jeder Hausmann) besitzt bei uns eine Anzahl von Rouladenklammern, die bei der Zubereitung der Rindsrouladen gebraucht werden. Bei uns werden die Rouladen mit Essiggurken, Speck und Karotten gefüllt. 

fleischlawal mid eadebfebüree [ˈflɛʃlavaɫ mid ˌəɐdəbfəbyˈrə:] - ebenfalls ein Klassiker sind Fleischlaberl oder Faschierte Laibchen (ungarisch: fasírozott) Das sind Hackfleisch - Laibchen, in der Regel von Rind und Schwein. Dazu immer: Kartoffelpüree. 

saumaasn - Saumaisen. Zur Zubereitung werden geselchtes Teilsames (Stücke von Pökelfleisch) oder geselchter Schopfbraten (Schweinenacken) mit Zwiebeln und Knoblauch mehrfach durch den Fleischwolf gedreht, mit Paprika, Zitronenschale, Salz und Pfeffer gewürzt, die Masse zu Knödel geformt und in gewässerte Stücke von Schweinenetz gebunden. Nachdem sie einige Stunden gekühlt wurden, werden sie gekocht oder im Backofen gebraten und meist mit Sauerkraut und Kartoffeln serviert.


düngreidlsoss Dill-Sauce. Manche hassen sie, für manche ist es die beste Speise der Welt. Immer dazu: gekochtes Rindfleisch, meist Schulterscherzl oder Tafelspitz

semmegree [ˈsem:əˌgʀẽ] - Semmelkren. Ebenso verhält es sich mit dieser Speise, einer Mischung aus geriebenen Semmeln und Meerrettich. Auch dazu gibt es meistens Tafelspitz.

sauagraud - zum Sauerkraut gabs häufig a gsöchds (Geselchtes = gekochtes geräuchertes Fleisch)
blaugraud - dass das Rotkraut bei uns Blaukraut heißt, kann an der Zubereitung liegen. Rotkraut ist nämlich ein guter pH-Indikator. Wie Lackmus reagiert es mit einem Farbumschlag von Blau zu Rot auf eine Änderung des Säuregehaltes

solod (Salat)

andüfesolod - Endiviensalat
habbesolod - Häuptelsalat heißt der Kopfsalat in Ö

eadebfesolod - Kartoffelsalat
guaggnsolod - Gurkensalat
graudsolod - Krautsalat
kinakoi - Chinakohl

nochschbeis (Nachspeise)


bochane meis - gebackene Mäuse sind nicht das was man befürchtet, es ist eine Mehlspeise aus in  Öl gebackenem Teig
buchdln mid an bowidl drin - Buchteln mit Powidl  eine Mehlspeise aus Hefeteig, gefüllt mit Powidl (siehe Germknödl) Häufig werden sie mit heißer Vanillesauce übergossen.

holaresda oda holaridscha oda holakoo - also Hollerröster, Hollerkoch  nennt man eine Speise, die aus den gekochten Beeren des Holunders gemacht wird

zua jausn oda zum nochdmoi (zur Jause oder zum Abendbrot):


wuaschd: a diare, a boinische, a exdra, a graggaua -Wurst: Dürre, Polnische, Krakauer
kaas: gwaagl, gauda, geheimrodskaas - Käse: Quargl, Gauda, Geheimratskäse
schofkaas - Schafkäse (immer Schafmischkäse)
a brod mid reddich - Rettich hießen bei uns die Radieschen




Montag, 2. April 2012

Aufdraan, meuddan, namen

 

Schimpfen in St.Pölten


schimbfm - schimpfen ist eine notwendige und meist harmlose Möglichkeit, anderen Menschen ihre Grenzen aufzuzeigen. Wie in Österreich allgemein üblich, wird die Schimpfe nicht immer an den Adressaten gerichtet, sehr häufig wird "einfach geschimpft" - über die Regierung, über die anderen Autofahrer und natürlich über die Jugend von heute. Vielleicht weiß der Österreicher instinktiv, dass Schimpfen auch eine biologische Funktion haben kann, wie man bei manchen Tieren sieht:
Amseln machen sich zum Beispiel lautstark bemerkbar, wenn eine Katze durchs abendliche Gebüsch streift - man sagt dann: de aumschln schimbfm

schimbfads  ist das zugehörige Substantiv. Es ist ein Pluralwort und kommt in solchen Sätzen vor: nau, hosd schimbfads griagt? wörtl.: Na, hast du Schimpfe bekommen?


Der St.Pöltner und die St.Pöltnerin schimpfen und fluchen nicht viel anders als der Rest Ostösterreichs; zusätzlich können aber doch ein paar Wörter festgestellt werden, die andernorts nicht so häufig oder bekannt sind.

modschgan - matschgern ist in ganz Ostösterreich bekannt und bezeichnet ebenfalls diese liebgewonnene Angewohnheit der Österreicher, seinen Unmut als akustische Duftwolke vor sich herzutragen, in der Hoffnung, ein Beschuldigter würde es hören und sogleich beschämt Asche auf sein Haupt streuen.
meuddan sagten wir in St.Pölten zum Matschkern.

köwen - keppeln und keiffn - keifen nennt man das bei einer Frau

aufdraan - aufdrehen. Im Gegensatz zum schimbfm ud meuddan kann man aufdraan nur mit einem Gegenüber. Dieser Begriff bezeichnet jenen, von erhöhtem Adrenalinspiegel begleiteten Gemütszustand in dem man mit seinem Gesprächspartner wirklich laut wird. denan dazöl i wos! kündigt man diese Aktion manchmal an, um dann hineinzukrachen und ihnen die Meinung zu sagen; draa ned oiweu so auf mid mia!, sagt der Ehemann, nachdem ihn seine Angetraute wieder einmal lautstark zurecht gewiesen hat. Lässt er sich allerdings auf den Ehestreit ein, sagen die Nachbarn: de hachln scho wida die streiten sich schon wieder.

zaumscheissn - während aufgedreht nur mit gleichgestellten oder sogar vorgesetzten Personen wird, kann man Untergebene nur zurechtweisen, indem man sie zaumscheissd; denan weri de wadl no fire richdn kündigt man diese Unternehmung an (denen werde ich noch die Waden nach vorne richten)

namen


namen - nameln, also jemanden mit (nicht sehr schmeichelhaften) Namen bedenken nennt man das zentrale Element eines Streites.

Beginnen wir bei den liebevollen, oder zumindest nicht allzu groben Schimpfnamen, wie sie Kinder oft zu hören bekommen (oder bekamen - leider sterben auch diese Wörter langsam aus)

bodschochda - einer der eine simple Sache nicht hinkriegt; das ist ein mitleidiger Ausruf einer Mutter, wenn das Kind z.B. nicht in den Ärmel der Jacke findet: nau du bodschochda, woadd i hüf da!

bodschada glachl! - patscherter Klachel also Tolpatsch! ruft man, wenn jemandem ein dummes Missgeschick passiert, wenn er also ein Glas fallen lässt oder eine Vase umstößt. In diesem Ausruf schwingt schon ein gerüttelt Maß an Ärger mit, oft folgt ein böses kaunsd ned aufbassn?

didschad - starrköpfig, stur, und zwar auf eine gewisse egoistische Art, wie es Kinder manchmal sind: jezd sei ned so didschad und gib den aundan kinda a wos! sei nicht so stur und gib den anderen Kindern auch was ab! Aber auch Erwachsene können so sein, vor allem, wenn sie darauf beharren, dass etwas so und genau so gemacht werden muss.

bowal nennt man jemanden, der durch und durch verweichlicht ist; sei nicht so mädchenhaft würde man in rauen Männerrunden zu so einem sagen. Muttersöhnchen ist auch ein passender Begriff, denn eine Mutter kann ihren Sohn schon fabowaln also viel zu fürsorglich erziehen.

feedseulig  (nasal gesprochenes ee) ist boshaft. Man sagt das über Kinder, die andere absichtlich ärgern oder ihnen schaden (wos zfleis mochn): sei ned so feedseulig zu dein bruada! Sei nicht so boshaft zu deinem Bruder!

grawuddisch werden Eltern wegen ihrer schlimmen Kinder: moch mi ned grawuddisch! schimpft die Mutter, du bedlsd heidd wida um a wadschn! Mach mich nicht zornig! du bettelst heute wieder um eine Ohrfeige! Aber auch bei der Arbeit kann man grawuddisch werden, wenn man, weil irgendetwas nicht gelingt, ganz zornig wird. Man kann dann auch sagen: i griag an gizi!

wuzal oder breggal - Wuzerl oder Bröckerl sagt man zu einem dicken Kind,
gribbegschbüü oder zniachdl zu einem allzu dürren,
gschraazn ganz allgemein zum jungen Nachwuchs (gschraa ist das Geschrei)

gaachzuanig - wer jähzornig ist, kann dann schon folgende, weniger nette Wörter verwenden:

hianedal - wörtlich: Hirn-Ederl: Dummkopf

gscheada  bezeichnete ursprünglich eine Person aus der Landbevölkerung („Gescherter“=Geschorener, weil die Bauern, im Gegensatz zur Mode in der Stadt, kurzes Haar trugen) in St.Pölten allerdings, wurde diese Beschimpfung – weil man sie selbst öfters zu hören bekam – umgekehrt und gegen die Wiener verwendet. „a gscheada Weana“ ist die vollständige Bezeichnung. heasd! dea foad gegn d einbaun! asso, des is a gscheada Weana, des is e gloa. He, der fährt gegen die Einbahn! Achso, das ist ein gscherter Wiener, das war ja klar!

baazi oder boidi (Leopold) sind weitere nette Bezeichnungen für den Einwohner der Bundeshauptstadt. Auch: weana baazi!

 
grezzn Kretze heißt eigentlich Wundschorf oder Ekzem, jedenfalls eine unangenehme Hautveränderung. Genauso unangenehm für die Mitmenschen ist eine grezzn, weil eine solch Person es mit Ehrlichkeit und Moral nicht so genau nimmt.

dodl - Dodel sagte man früher tatsächlich zu Menschen, die eine geistige Behinderung zeigten. Heute meint man damit Menschen, die zwar aller ihrer Sinne mächtig sind, aber dies sehr gut verbergen.

doim - Dolm weist darauf hin, dass dem Adressaten eine gewisse rurale Einfachheit nachgesagt wird.

dewanigl ist die Koseform von Depp

fuchdl - Fuchtel:  eine oide fuchdl ist eine alte herrische Frau (die mit den Händen ständig Anweisungen gibt, also herum fuchdeld)

musch heißt Frau auf Jenisch (das ist eine Sprache, die ein paar Kilometer westlich von St.Pölten gesprochen wird) und wird meist abwertend verwendet: di blede musch

bradlbabbad - breitmäulig. Dieses adjektiv kann getrost vor jedes Schimpfwort gesetzt werden

mamlas - so nennt man einen Menschen, der es verabsäumt hat, im richtigen Moment die Initiative oder das Wort zu ergreifen und stattdessen stumm und betreten da sitzt: siizd do wiar a mamlas und bringd s meu ned auf!

ramal  -  der hod jo a ramal!  der tickt ja nicht ganz richtig!

der hod an driisch in da kaunl!  (wörtlich: eine Delle in der Kanne) der hat nicht alle Tassen im Schrank.

bisd augrend? bist du wo gegengerannt?

haums di griassn lossn?haben sie dich grüßen lassen? (hat dir jemand Grüße ausrichten lassen?)  heißt soviel wie: bist du jetzt komplett wahnsinnig geworden?








Mittwoch, 29. Juni 2011

oaweidd

Exakte Sprache ist immer dann extrem wichtig, wenn man jemandem genau erklären will was er tun soll, aber man keine Hand frei hat, um zu gestikulieren, wie zum Beispiel bei der Arbeit.

Aus diesem Grunde wurde gerade im Arbeitsalltag eine Vielzahl von Begriffen geschaffen, die exakt beschreiben, was gemeint ist. Die Arbeiter haben aber niemals "Hochdeutsch" geredet, also sind viele dieser Wörter einfach nicht übersetzbar, außer man bedient sich einer ausführlichen Umschreibung.

gwaan - mein absolutes Lieblingswort aus diesem Bereich. Ich habe lange gesucht, aber keine schlüssige Erklärung für die Herkunft dieses Wortes gefunden, ich kann also keine "übersetzte" Schreibweise anbieten. Zur Bedeutung: gwaan bezeichnet eine Tätigkeit, bei der man auf die eine oder andere Art einen Hebel benutzt, um etwas zu bewegen oder zu verformen: man kann z.B. eine Tür aufgwaan, indem man eine Stange in den Spalt steckt und sie dann aufhebelt. Man kann eine Palette zur Wand zuwegwaan, indem man eine Stange unter die Palette schiebt und letztere durch Heben der Stange in Bewegung setzt. Man kann ein verbeultes Ende eines Rohres wieder in eine Runde Form bringen, indem man ein rundes Eisenstück ins Rohr steckt und es an den entsprechenden Stellen wieder ausbeult (aufgwaan)


umbeaddln umbördeln  ist das Umbiegen des Randes von Blechen zum Zwecke der späteren Verbindung zweier Bleche durch Falzen  oder um  Blechgegenstände zur bequemen Handhabung oder zum besseren Aussehen mit einem Rand zu versehen. siehe Lexikon der Technik


zaumm roaln (meidlinger L!) beschreibt die (unprofessionelle) Tätigkeit, bei der man mehrere Teile miteinander verbindet, indem man sie gemeinsam mit Draht umwickelt.

zaummschbeenln kann man etwas nur mit schbeenodln - Stecknadeln. zaumschbeenln heißt also, etwas (meist Stoffe) mit Nadeln zusammenheften.

zschbragln „zersprageln“ zerbrechen, zerspalten, zerbersten: schbragln sind längliche parallelliegende Überreste eines zerbrochenen Gegenstandes. Beim „Zersprageln“ müssen die Teile nicht unbedingt voneinander getrennt werden, sondern können an einer Stelle noch aneinanderhaften. du hosd den schraufm zweid aum raund einedraad, jezd hods de loddn zschbragld! du hast die Schraube zu nahe am Ende hineingedreht, jetzt ist die Latte zerborsten! Im übertragenen Sinn verwendet heißt es „zerfransen“ i kaummi jo ned zschbragln!  ich kann mich ja nicht zerfransen, ich kann nicht gleichzeitig hier und dort sein!

weangln ist eine nicht gerade professionelle Art, wie man durch wiederholtes hin- und herbewegen eines Werkzeuges oder -stückes in einer Öffnung, diese vergrößert. Danach ist die Öffnung, bzw. die Gesamtheit aus Öffnung und Bolzen (Welle, Stift etc. - z.B. ein Scharnier) ausgweangld.

in ream owareissn heißt in Ostösterreich, die Arbeit beenden, Feierabend machen. "Den Riemen herunter reißen" hat seinen Ursprung zu der Zeit, als noch alle Maschinen über sogenannte Transmissionsriemen angetrieben wurden: an der Decke der Maschinenhalle verlief eine zentrale stählerne Antriebswelle, von der die Kraft über lederne Riemen und gusseiserne Riemenscheiben zu den Maschinen übertragen wurde. Wollte man eine Maschine abstellen, musste man den Riemen mit einem Haken von der Scheibe "herunter reissen" siehe dazu bei Wikipedia Transmission

auf da laa-scheibm renna (auf der Leerscheibe laufen) sagt man demnach, wenn der Arbeisfluss unterbrochen ist, man aus irgendeinem Grund nicht weiter arbeiten kann.

reamfedd "Riemenfett" benutzte man, um das Durchrutschen auf der Scheibe zu verhindern.


schoeweanggad schief, mit Schlagseite



roglad  locker, es besteht die Gefahr, dass etwas ins rollen kommt: bass auf, das de baamschdemm ned roglad wean

goashaxn ("Geißfuß" - abgeleitet von der Klauenform der Paarhufer) ist ein Spezialwerkzeug zum Herausziehen von eingeschlagenen Nägeln.

meudda ist der Mörtel

leahaxn sind die Lehrlinge (in D: Azubis): wie der Name schon andeutet, werden sie sehr gerne für Laufarbeiten eingesetzt. Zu Beginn der Lehrzeit auch für solche, die dem Rest der Belegschaft zur Belustigung dienen: man schickt sie um die gwichda fon da wossawog - sie sollen also die Gewichter für die Wasserwaage besorgen, oder man ließ sie aus der Apotheke eine Flasche oxdradium holen, dieses Wort heißt einfach: Ochs, dreh dich um!

-

Für die - oft sehr schwere - Arbeit hat man viele Begriffe hier in Ostösterreich. Es scheint wie beim Teufel zu sein, den man auch nie mit seinem richtigen Namen nennen wollte.

oaweiddn: haggln, weaggn, bugln, roboddn, dschineun, barawan, si oraggan, schebbfn
hackeln hat es in Österreich im Wort Hacklerregelung bis in den Duden geschafft; werken und buckeln versteht sich von selbst; roboten kommt aus dem slawischen Sprachraum, wo robota einfach "Arbeit" bedeutet; dschineun kommt möglicherweise von dem ungarischen Wort csinál für machen; ein Baraber ist ein ungelernter Bauarbeiter. Das Wort kommt aus dem Tschechischen; "poroba" bedeutet Knechtschaft; abrackern und schöpfen sind sozusagen Fremdwörter, schöpfen sagt man v.a. in der Steiermark und in Kärnten.

Samstag, 7. August 2010

graung sei

Im Wartezimmer eines Arztes unterhalten sich zwei ältere Damen: songs, wo isn heidd de frau Gwabbil? de wiad do ned graung sei?

Wer sich mit St.Pöltnern über Krankheiten unterhalten will, muss einige neue Vokabel lernen.


graung heißt krank, also richtig krank, während man, wenn man nur leichtes Fieber oder Kopfschmerzen hat, höchstens marod ist. Ist jemand hingegen chronisch krank (hat er also ein Leiden), sagt man: ea is leidend

schdrauggn hat man, wenn einen der Schnupfen so richtig erwischt hat. Man fragt so jemanden gern: sog, wo hosd di den du so heagrichd? Wo hast du dich denn so hergerichtet? Manchmal weiß man den Grund: hosd di wida odeggd in da nochd! abdecken ist das Gegenteil von zudecken. Man ist also der Ansicht, dass das Fehlen der warmen Decke nachts die Ursache für die Erkältung ist. 

es zreissd eam nennt man es, wenn einer dann so richtig niesen muss. höfgod! oder höfdagod! wünscht man ihm darauf. Oder: höfgod dass woar is! (helfe Gott, dass es wahr ist!) Manchmal läuft der Dialog auch so ab, nachdem jemand geniest hat: "zreissn sois di!" "des gresde drumm soi di dreffn!" "des gödbeasl soi mi dreffn!" "daschlogn sois di!"

közzn heißt husten (als Verb), wenn man erkältet (faküüd) ist. Hat man sich aber nur Verschluckt und muss husten, heißt das i hob mi fakuzzd - zu kleinen Kindern sagt man dann: kuzz, kuzz! warum auch immer. Den Auswurf eines Kranken, der schleimigen Husten hat, nennt man schlaaz. Das ist kein schönes Wort. Die Grauslichkeit wird aber noch in folgendem Reim gesteigert: grea is da baaz fon an duwara-schlaaz. (grea=grün, baaz=zähe Masse, duwara=Tuberkulose-Kranker)

dasig oder dasdig kann einen das Fieber machen: dann fühlt man sich ganz benommen.

essigbadschal macht man, um das Fieber zu senken. Essig-Patscherl sind kalte Wickel: man tränkt ein Tuch mit kühlem Essigwasser und umwickelt einen Fuß, mit einem zweiten Tuch die gegenüberliegende Hand. Das wirkt sofort und senkt das Fieber um bis zu 1°

a jauggal - eine Injektion bekommt man, wenn kein Hausmittel mehr hilft. Dieses Wort kommt vom Wort  jauggn - jagen, hetzen,  welches auch (als einejauggn) im Sinn von:  etwas (also die Nadel) wo hinein"jagen" = mit hoher Geschwindigkeit hineinstechen - verwendet wird.

wimmal - Wimmerl sind die österreichweit bekannten Pickel. Man nennt übrigens auch ein Bauchtäschchen, das mit einem Gurt umgeschnallt wird so.

wean oder weam nennt man hierzulande das Hordeolum oder Gerstenkorn. Das ist eine meist eitrige Entzündung der Drüsen der Augenlider.

aufbrend sagt man, wenn die Haut oder die Schleimhäute entzündet oder gerötet sind: Der gerötete Babypopo ist das beste Beispiel. Früher wurden die Babys, um das zu vermeiden gschdubbd. Die schdubb (Stupp) ist das Babypuder. (aufbrend kann auch das gegenteil von obrend - abgebrannt -  sein. das bedeutet, dass jemand aufgrund geschickter Handhabung von Assekuranzen und Brandbeschleunigern einen finanziellen Vorteil aus einem Feuer zieht)

zidarich - Zitterich nennt man raue, trockene Stellen der Gesichtshaut. 

wimmara ist eine weitere Erkrankung der Haut, nämlich das Erythema solare - der allseits beliebte Sonnenbrand.

mundfeu - Mundfäule klingt sehr ekelhaft, aber es handelt sich dabei nur um "Mundecken", eine Infektion der Mundwinkel, die auftritt, wenn man aus einem fremden, nicht gut gereinigten Glas getrunken hat.

blodan - ("blådan" ausgesprochen) heißt Blase und hat - genau wie im Standarddeutsch - zwei Bedeutungen: erstens ist es die Bezeichnung für eine Blase (bulla), wie man sie z.B. an der Ferse durch unpassendes Schuhwerk bekommt, zweitens ist es die Bezeichnung für die Harnblase.
feichdblodan haben auch mit Blasen zu tun: Feuchtblattern heißen in Österreich die Windpocken

winddakiaschn - Winterkirschen  werden von manchen Leuten für Hämorrhoiden gehalten, mit denen sie - um die Seite der Bagger zu zitieren -  in etwa so viel gemeinsam haben wie das Gurkerl mit dem Leberkäse in einem Leberkäs-Semmerl. Nachdem Letztere den Verdauungsapparat erfolgreich durchschritten hat, können ihre schlampig gewischten Rückstände den idealen Grundstock einer „Autumnalis Rosetta“ bilden. Gemeinsam mit Haaren, Kleidungs- und Klopapierfusseln stellen sie die Haupt-Zutaten des unliebsamen Früchtchens dar.

biizln ist eigentlich das was kleine Kinder machen, wenn sie gewissermaßen zornig weinen (z.B. weil sie unbedingt den Eisschlecker haben wollen und ihn nicht kriegen) bitzeln ist aber auch die davon abgeleitete Bezeichnung für einen bestimmten Schmerz: Speziell die Handfläche kann einem bitzeln, nachdem man damit kräftig (wo auch immer) zugeschlagen hat.

bremasln (Betonung auf dem e!) hingegen ist ein prickelnder Schmerz, wie er zum Beispiel auftritt, wenn man mit einer Brennnessel Bekantschaft geschlossen hat, oder auch, wenn man sich - bei nicht allzu hoher Spannung (bis etwa 50V) - elektrisiert (bei höherer Spannung sagt man: es hod mi grissn, wenn man einen Schlag abbekommen hat) Auch wenn man sich das narische baa (den Nervus ulnaris am Ellenbogenhöcker) angeschlagen (aughaud) hat, bremasld das noch einige Zeit bis in den kleinen Finger. (Abgesehen von dieser Bedeutung, nennt man manchmal auch das brutzelnde, prasselnde Geräusch so, das durch einen schadhaften elektrischen Kontakt - z.B. in einer Steckdose oder Lampenfassung - verursacht wird.)

dogazn ist eine weitere Form des Schmerzes: diesmal handelt es sich um einen pulsierenden, pochenden Schmerz. (nicht zu verwechseln mit bogazn: das ist die pulsierende Bewegung eines Ringmuskels - z.B. bei Hühnern nach dem Eierlegen)

baumsdig - bamstig  nennt man eine Empfindung einer gwissen Gefühllosigkeit oder taubheit, wie sie bei Schwellungen oder einer Lokal-Anästhesie auftritt (das Wort kommt von dem ausgestorbenen Wort Bams, welches einen ausgestopften Sitz bezeichnete)

ofian - Abführen sagte man zu Durchfall

heazkaschbal - der Herzkasperl  ist gar nicht lustig, das ist nämlich der Herzinfarkt.

lungenbodschn - Lungenpatschen  ist der Lungeninfarkt. Ein Patschen ist ja ein platter Reifen. Genau so stellt man sich das bei der Lunge vor, wenn sie zusammen fällt.

fraasn war eine Bezeichnung für eine tödliche Erkrankung bei Kleinkindern, die mit Krämpfen und Zuckungen einher ging (Fraisen). Heute verwendet man dieses Wort nur in: do griag i jo glei di fraasn - ich dreh gleich durch. Zur Verstärkung sagt man auch: boggalfraasn

fuasmarod - fußmarod  kann man jeden nennen, der ein wenig haadschd, also hinkt oder auf eine andere Art gehbehindert ist. des schdiggal kaun i scho gee, i bin jo ned fuasmarod

s reissade - das Reißende  hat ein oida dagara, ein alter Tattergreis.

Samstag, 24. Juli 2010

Gigrizbodschn, Dribbsdrüü und Scheibbs-Nebraska

Eine Kuriosität in unserer Gegend sind - teilweise erfundene - Ortsnamen, die zur Erläuterung bestimmter Sachverhalte herangezogen werden.

Gigrizbodschn ist eine abfällige Bezeichnung für einen rückständigen Provinzort, beziehungsweise für das 08/15-Dorf schlechthin. Sein deutsches Pendant ist Buxtehude (ich weiß, das gibts wirklich, aber ich meine das andere) respektive Hintertupfing.
Kuriosität am Rande: Kickritzpotschen hat es sogar bis in die DDR geschafft, wo Lutz Lahoda sein berühmtes Lied (jetzt ohne Schmäh, der war wirklich berühmt) Die Blasmusik von Kickritzpotschen gesungen hat.

Dribbsdrüü - nach Tripsdrill ist die Antwort auf die Frage: wo fährst du hin? wenn man es dem Fragenden nicht unbedingt auf die Nase binden will. Eine andere Funktion des Wortes ist, jemanden nach Tripstrill zu schicken. Man will ihm damit sagen, dass er ein einfältiger Mensch ist. Tripstrill ist ein erfundener Ortsname (nein, der Erlebnispark Tripsdrill in Baden-Würthenberg heißt nicht nach dem Ort, wo er ist) Nach einem alten schwäbischen Volksglauben steht in Tripstrill eine Mühle, in der alte Weiber wieder jung gemahlen werden. (Übrigens: anscheinend aufgrund eines Hörfehlers sagt man in manchen Familien hier auch Bibbsdrüü)

Scheibbs und Nebraska sind sozusagen die beiden Endpunkte, wenn wir die zivilisierte Welt durchmessen. Wenn wir Qualität herausstreichen wollen, sagen wir: Das beste Bier, Konzert, Lokal etc. fon Scheibbs bis Nebraska  - ich habe allerdings eine Frau auch einmal folgenden Satz sagen hören (es ging darum, was sie machen würde, wenn ihr Sohn dieses und jenes tun würde) nau, mid dem forad i! owa üwa Ybbs-Scheibbs-Nebraska! (für alle Nicht-Niederösterreicher: Ybbs und Scheibbs gibt es wirklich! Gleich hier um's Eck!) 

Dschibuddi - Dschibuti ist schon wirklich sehr weit weg, sehr klein und sehr unbekannt. Wenn wir zum Beispiel ausdrücken wollen, dass wir wegen eines Sonderangebotes nicht viele Kilometer fahren wollen, können wir sagen: wegn dem foari do ned bis Dschibuddi

Gialingugging und Mauöling - es war immer schon sehr beliebt, Mitmenschen den Aufenthalt in der Klapsmühle nahe zu legen, wenn sie kuriose Meinungen vertraten: waunsd so weida duasd, fians di noch Gialingugging. Als Kind habe ich die beiden Namen nur für lustige Wörter gehalten, bis mir klar wurde, dass sich sowohl in Gugging als auch in Mauer-Öhling tatsächlich eine Nervenheilanstalt befindet (die im heutigen Maria Gugging befindliche Landesnervenklinik wurde 1885 als "NÖ Landes Anstaltsfiliale Kierling-Gugging" eröffnet; in Mauer-Öhling entstand die "Landesheil- und Pflegeanstalt für Geisteskranke", das heutige Landesklinikum, in den Jahren 1898-1902)

Zweandoaf - nein, mein Großvaterfuhr nicht nach Zwerndorf, wenn er dort hin musste. Er fuhr nach Wien! Ursprünglich entstanden aus z Wean (zu Wien), hängte man - als kleine Stichelei gegen die Bundeshauptstadt - ein Dorf an. Immer schon gab es ja diesen kleinen Konflikt zwischen St.Pölten und Wien (die einen bezeichneten die anderen als Großkopferte - die anderen die einen als Gscherte) und das führte immer wieder zu netten Witzen, wie diesem: "Welches ist das schönste Autokennzeichen in Niederösterreich?" "M" "Was ist M?" "Ein Wiener, der am Dach liegt!"

Wean - wüüsd noch Wean schaun? das war eine gefährliche Drohung, die meist die älteren Buben gegenüber den jüngeren aussprachen: es bedeutete, sie mit beiden Händen am Kopf - genau bei den Ohren - zu packen und hoch zu heben: das war schmerzhaft.

Möök - Melk. Nur in der Phrase: mid Möök delefonian. Dorthin telefoniert man also ab und zu, und zwar zum Beispiel dann, wenn man sich den ausgiebigen Bierkonsum vom Feuerwehrfest noch einmal durch den Kopf gehen lässt. Ein lautmalerischer Ort also.

Mariabrunn kommt in dem alten Kinderreim vor, den heute kaum noch jemand kennt:
Marienkefal fliag, 
fliag noch Mariabrunn, 
und bring uns murgn und üwamurgn 
a rechd a scheene sun
...das sagten die Mädchen auf, wenn sie einen Marienkäfer (Frauenkäfer) fanden, ihn am Finger hochkrabbeln ließen, bis er schließlich die Flügel spreizte und davonflog.

Minimundus ist ein Freizeitpark bei Klagenfurt in Kärnten, wo berühmte Bauwerke im Maßstab 1:25 nachgebaut wurden; des is da buagamasda fon Minimundus sagt man folglich zu einem Mitmenschen, den man im angelsächsischen Sprachraum neuerdings als "vertically challenged" bezeichnet.

Mittwoch, 21. Juli 2010

keads es zaumm?

Als eines Morgens zwei neue Arbeiter an der Baustelle erscheinen, fragt sie der Polier: keads es zwa zaumm? Daraufhin antwortet der eine: naa, i bin baggafoara, ea kead zaumm!


Neben der bereits besprochenen Vorsilbe da- gibt es im Dialekt einen weiteren Präfix, der hier viel umfangreicher und fantasievoller eingesetzt wird, als im Standarddeutsch: zaumm- (zusammen-). Er ist ein treuer Begleiter bei allen Tätigkeiten, bei denen etwas - was auch immer - in irgendeiner Form gesammelt, zerstreute Dinge zueinander gesellt, in eine gewisse Ordnung gebracht werden.

Um des Dialektes nicht Mächtige nicht weiter auf die Folter zu spannen: zaumm kean kann man als "zusammen gehören" verstehen, aber auch als "kehren, fegen". Dieses Wortspiel macht also den eingangs erzählten Witz aus. Auch folgende Wörter verstehen sich durchaus als Handlungen, die mit dem Zusammenführen oder in Ordnung Bringen von Gegenständen zu tun haben:

zaummschuasdan (auch: zaummbfisdan, zaummbandan, zaummschdobben) ist die abwertende Form von Zusammenbauen: beim Zusammenschustern klingt das Schimpfwort: du bisd a schuasda! an, für einen handwerklich unbegabten Menschen. Schon in Jakob und Wilhelm Grimms Wörterbuch (1838) heißt es: "schustern: auch sonst vielfach von stümperhafter Arbeit, pfuschen, etwas zusammenflicken";  Zusammenpfistern und -bandern heißt ebenso: etwas unprofessionell zusammenbauen (vergleiche: auddo-bandan: hobbymäßig oder im Pfusch Autos reparieren) wobei Zusammenpfistern die schlimmste Form des Pfuschs bedeutet: hier war kriminelle Unfähigkeit am Werk. Zusammenstoppeln schließlich gemahnt an die Art und Weise, wie die Teile miteinander verbunden werden: sie werden nur zusammengesteckt.

zaumm-maundschgan  - man kann auch in der Küche einiges falsch machen: dieses Verb bedeutet so etwas wie zusammen-pantschen, bezieht sich aber hauptsächlich auf feste Inhaltsstoffe.

zaummroaln (meidlinger L!) ist ebenso ein Wort aus der Arbeitswelt (siehe auch: aufgwaan, umbeaddln, weanglnzaummschbeenln) und beschreibt die (unprofessionelle) Tätigkeit, bei der man mehrere Teile miteinander verbindet, indem man sie gemeinsam mit Draht umwickelt. 

zaummschbeenln heißt, etwas mit Stecknadeln (schbee-nodln) fixieren, Textilien mit Stecknadeln provisorisch aneinanderheften. 

zaummhoidn - neben der allgemein verständlichen Bedeutung zusammenhalten (z.B. transitiv: das Geld, intransitiv: gute Freunde) findet sich dieses Wort vor allem in der knappen aber gleichwohl unmissverständlichen Zurechtweisung hoids zaumm! halts Maul! (natürlich ist gemeint, man möge die babbaladua, also Unter- und Oberkiefer gefälligst beisammen lassen)

zaummgrochn - zusammenkrachen können in erster Line zwei Menschen, deren konkrete Vorstellungen über einen Sachverhalt diametral auseinander liegen. gesdan bini mid mein schwindlichn nochban zaummgrochd. i hob eam gfrogd, obs bei eam eibrochn haum, dasa aum sundog in da frua zum rosnmaan aufaungd!

zaumsaumsdan  - dieses Wort hat es wohl nicht in viele Familien in der Stadt geschafft. Es kommt aus dem Umland von St.Pölten. Bei den Bauern war es früher üblich, den Hausputz immer am Samstag zu erledigen. Das heißt, der Sand, der am Küchenboden aufgestreut war und den Schmutz der Woche aufgesaugt hatte, wurde weggekehrt, und neuer Sand wurde aufgestreut. Dazu sagte man zaumsaumsdan

zaummrama - aufräumen. Sehr anschaulich können wir uns hier vorstellen, wie verstreute Dinge wieder zusammen an ihren Aufbewahrungsort gebracht werden. Es gibt auch eine übertragene Bedeutung, die gar nicht so häufig verwendet wird, aber wenn, dann sehr eindrucksvoll: wenn jemand, der vielleicht etwas Unruhe oder Chaos in eine Gesprächsrunde gebracht hatte, sein Gehen ankündigt, kann man ihm durchaus sagen: hosd rechd, ge haam, daunn is wenigsdns zaummgramd aa.

zaummloosn (von loosen: lauschen; vgl.: de loosa - die Ohren) Wenn jemand wieder einmal Gerüchte verbreitet, nachdem er sich aus verschiedenen Äußerungen, die er wo gehört hat, einen Reim gemacht hat, sagt man: dea hod wo wos zaummgloosd und jezd dazööda widara gschichdl.

zaummreden - Unsinn daherreden. heasd, wos redsdn zaumm? des schdimmd jo goa ned! was redest du da? das stimmt ja gar nicht! Zusammen-Reden kann man sich so vorstellen, dass mehrere Aussagen, die nichts miteinander zu tun haben, oder nicht in diesen Zusammenhang gehören, zu einem Satzganzen zusammengefügt werden - und daher scheinbar Unsinn ergeben. (analog dazu kann man auch andere Handlungen des Unsinns zeihen, indem man zaumm- davorsetzt: wos foasdn firan koarl zaumm - wie fährst du denn Auto? wos schreibsdn  do firan bledsin zaumm - was schreibst du denn da für einen Unsinn? )

zaummzwiggn kann man nicht nur mit einer Zange. Dieses Verb beschreibt auch sehr bildhaft die Tätigkeit des  musculus sphincter ani, wenn man schon große Not, aber keine Gelegenheit (sprich Toilette) hat.

zaummglaubm - eine Erweiterung des unspezifischen glaubm, also klauben. zaummglaubm heißt in erster Linie Dinge vom Boden aufsammeln, kann aber getrost mmer statt aufheben oder aufklauben verwendet werden, weil zaumm- einfach bodenständiger klingt als auf-

zaummessn - aufessen. Vielleicht sagt man das ja auch deswegen, weil ja laut einer alten Tischweisheit im mogn ee ois zaummkummd

zaummdelefonian - seit wir jederzeit mobiltelefonisch erreichbar sind, brauchen wir, wenn wir uns treffen wollen, das nicht mehr lang im Voraus planen, wir sagen: do delefonian ma uns no zaumm

zaummdringgn - Eine gemütliche alte Sitte am Ende eines Gasthausbesuchs. Man sagt nicht: trinkt aus! wenn es Zeit zu gehen ist, sondern: dringgds eich zaumm!

zaummboggn - boggds eich zaumm! heißt wörtlich packt euch zusammen! und meint: packt eure Sachen, macht euch reisefertig! (auch wenn die Reise nur nach Hause geht) 

zaummdidschn ist das lautmalerische Wort für einen leichten Zusammenstoß, bei dem kaum mehr als das Geräusch "ditsch" entsteht. se san midn hian zaummdidschd: sie sind mit der Stirne zusammengestoßen.



Eine etwas andere Bedeutung kann zaumm bei manchen Wörtern annehmen, wenn es darum geht, ein Zusammensinken, -fallen, -stürzen oder ähnliches zu beschreiben, also einen Sachverhalt, bei dem Teile - bildlich gesprochen - wie Karten eines Kartenhauses oder die Wände eines einstürzenden Gebäudes zusammen-(einander zu) fallen.

zaummdraan - mi hods zaummdraad heißt: "ich bin ohnmächtig geworden": ich bin in einer Drehbewegung zu Boden gegangen. Man kann auch sagen i bin zaummgaunga (nicht zu verwechseln mit eigaunga: der is eigaunga wiara beemische leiwaund!)

zaummfian ist die weniger schlimme Variante vom kürzlich besprochenen dafian: mit einem Fahrzeug niederstoßen. während dafian letal ist, kann man zaummfian durchaus überleben.

zaummhaun kaputt machen. des haud mi zimlich zaumm heißt: das macht mich ziemlich fertig.

zaummscheissn - (vgl. das standarddeutsche "Anschiss") jemanden zusammenputzen, jemanden scharf zurechtweisen. Dieses Wort weist immer auf eine Hierarchie hin: zusammenscheissen kann man nur jemanden, der in der Hierarchie unter einem steht.

zaummbraggd  (auch: zbraggd) -  flach geschlagen, zerdrückt (ein bragga - Pracker  ist ein Schläger) kommt praktisch nur in Form des Partizip II vor. Meistens sind es Kröten und Frösche, die der Automobilität zum Opfer fallen und dann am Pflaster kleben: im übertragenen Sinn kann man sagen: du ligsd do wiara zaummbraggde grod wenn jemand alle Viere von sich streckt.

Montag, 12. Juli 2010

waun wos ned zan damochn is

Nicht spezifisch St.Pöltnerisch, sondern typisch für alle bairischen Dialekte sind Verben mit der Vorsilbe da-, die, vor eine Handlung gesezt, ausdrückt, dass man nicht nur das Verrichten der Handlung meint, nicht nur den Versuch, sondern die (wenn auch knappe) Bewältigung. Oft werden solche Wörter in einem verneinten Satzzusammenhang verwendet, um auszudrücken, dass es eben nicht gelang, die Handlung zu beenden, etwas zu schwer, zu anstrengend, zu viel war, um die Sache zum Abschluss zu bringen.

Bei manchen Wörtern lässt sich der Präfix zwar mit er- übersetzen, aber der Dialekt ist viel erfinderischer als das Standarddeutsch, und so gibt es viele Wörter, die nur mit Hilfe einer Umschribung zu übersetzen sind.


damochn (machen) es woa ned zan damochn es war nicht zu schaffen (Anmerkung: es steht zan statt zum, weil ein d folgt. Der St.Pöltner ist ein bisschen mundfaul und verschleift gern beieinander stehende Konsonanten. Man sagt ja auch nicht Sangd Böddn sondern Samböddn)

daboggn (packen) glaubsd, daboggda de brüfung? glaubst du, schafft er die Prüfung?

da-oaweiddn (arbeiten) in ana wochn is des scho zan da-oaweiddn in einer Woche Arbeit ist das schon zu schaffen

dadraan (drehen) de wossabibbm is so eigrosd, de is ned zan dadraan der Wasserhahn ist so verrostet, er lässt sich beim besten Willen nicht mehr drehen

dagreiffm (greifen) midde diggn handschuach dagreifi de dasdn von mein delefon ned mit den dicken Handschuhen kann ich die Tasten meines Telefons nicht bedienen

daglenga (hinlangen) daglengsdas? ist die Frage, ob jemandes Arm lang genug ist, um eine Sache zu fassen zu kriegen. gib ma bidschen di kegsdosn fom kosdn owa, i daglengs ned gib mir bitte die Keksdose, die am Schrank steht, ich erreiche sie nicht mit meiner Hand

dahoidn (halten) mia is des dabledd midde glasln owegfoin, i hobs nimma dahoidn mir ist das Tablett mit den Gläsern aus der Hand gefallen, ich habe es nicht mehr halten können, es war mir zu schwer

da-essn (essen) ma, is des a risnboazzion, des is jo ned zan da-essn! oh, ist das eine Riesenportion, das alles aufzuessen, schafft man ja gar nicht! (in der "Tante Jolesch" kommt sozusagen das Pendant dazu vor: angesichts der Riesenportion ruft einer: das wird ja morgen ned zum dascheissn sein!)

dagee (gehen) in ana schdund is de schdreggn ned zan dagee eine Stunde Gehzeit ist für diese Strecke nicht zu schaffen des wiad si scho dagee bis uma fire das geht sich schon aus bis Vier Uhr

dahean (hören) wos woa des fira duachsoge? i hobs ned dahead! was war das für eine Durchsage? ich konnte es nicht richtig hören!

darena (rennen, laufen) da Messi hod in Dschawi sein bass nimma darend Messi hat den Pass von Xavi nicht mehr erlaufen

daschiam (schieben) daschiabsdas, oda solli wen hoin, dea da hüfd? schaffst du's, es zu schieben, oder soll ich Hilfe holen?

daschneidn (schneiden) des gsöchde is so zaach, des is ned zan daschneidn das Selchfleisch ist so zäh, das läßt sich einfach nicht schneiden

dadrogn (tragen) ein böser Städter-Witz über die Landbevölkerung lautet: waasd, wiasd an bauan umbringa kaunsd? du schengsd eam mea ois wos a dadrogn kau weißt du, wie man einen Bauern umbringt? man schenkt ihm mehr als er tragen kann

dazaan (ziehen, schleppen) heasd, dei doschn is so schwer, de dazaasd jo fosd ned hör mal, deine Tasche ist so schwer, die kann man ja fast nicht schleppen

dazoin (zahlen) hau ma jo mei auddo ned zaumm, des kenddasd goa ned dazoin! beschädige nur ja nicht mein Auto, das kannst du dir gar nicht leisten!


Bei den meisten der folgenden Wörter lässt sich die Vorsilbe mit er- übersetzen. Interessanterweise sind viele der Begriffe Tötungsarten:

dadruggn (erdrücken)  
dafian (von: führen; in etwa: jem. tot fahrengesdan haums d kozz dafiad
dasauffm (ersaufen)
daschlogn (erschlagen)
dadränggn (ertränken)
daschiassn (erschießen)
daweaffm (in etwa: in Tötungsabsicht zu Boden werfen) de jungen kazzln haums dawoaffm
dawiagn (erwürgen)

dagladdschn (von: klatschen; in etwa: inflagranti erwischen) ea hod dschigg gschmuggld, auf da grenzz haums eam daun dagladdschd
dakena (erkennen) jezd howi ina one brüün scho glei ned dakend!
dakumma (erschrecken, intransitiv) jezd bini owa dakumma!
dalebm (erleben) das i des nu dalebm deaf!
dalinschd (erspäht) i hob di glei dalinschd, wiari ins wiadshaus einekumma bin 
dawischn (erwischen) hobidi dawischd!
dazöön (erzählen) dazöö ma wos neigs