Montag, 19. August 2013

de gschrobbm


Kind sein in St.Pölten

Viele der Wörter und Wendungen, die Kinder in St.Pölten im Laufe ihres jungen Lebens zu hören bekamen, verschwinden mit der Zeit. Vielleicht erinnern sich heutige Eltern und Großeltern durch diesen Blog wieder daran und geben sie an ihre Kinder und Enkel weiter...

buama und mendscha - zu den männlichen Nachkommen sagt man immer bua, egal in welchem Alter. Für das Mädchen - vom Kleinkinder-Alter bis zur Pubertät - verwendete man früher hauptsächlich das mensch; madl wurde einerseits zur Unterscheidung im Babyalter verwendet (iss a bua odar a madl?), andererseits  waren damit eher die jungen Mädchen im heiratsfähigen Alter gemeint (hosd a madl? hieß auch: hast du eine Braut?) Heutzutage klingt aber mensch in den meisten Ohren abwertend und wird in der Stadt mehr und mehr vom madl verdrängt.

gschrobbm oder schrobbm sind die Kinder, vor allem dann, wenn sie einem gerade zur Last fallen,

gschraazn oder schraazn sind die Kinder der anderen, vor allem dann, wenn sie einem gerade zur Last fallen. gschraa ist das Geschrei.

schrogn [ʃʀɔgŋ]  genauso verhält es sich mit dieser Bezeichnung: es sind immer die Kinder der anderen, die furchtbar sind.

baungad - Bankert heißt auf der Bank gezeugt (anstatt im Ehebett), also Bastard, und ist kein sehr nettes Wort. Man sagt es auch nur, wenn die Eltern des Kindes, das man meint, nicht anwesend sind.


Lieb sind Kinder ja bekanntlich vor allem im Baby-Alter mid an hoibm joa kennd mas fressn; mid sechzen eagad ma si, das mas ned dau hod. sagt man.


so trug man ein Binkerl
buzzal, bauxal, waugal, binggal sagt man zum Baby, buzzal kommt von putzig, ein waugal ist eine (Woll-) Fussel und ein binggal ist ein Binkerl (von Binden), also ein zusammengeknotetes Tuch, in das man früher seine Sachen oder auch die Jause gepackt hat. Ein ganz besonders lieber Kosename ist heazzibinggi.

im windlmeazedes, also im Windel-Mercedes fahren sie, wenn sie klein sind, später dürfen sie auf Papas Schultern keisareiddn (Kaiser-reiten), man sagt auch, sie werden buglgraxxn drogn (Buckelkraxe getragen). Sie trinken aus dem duddi-flaschi, und das a-a in den Windeln hat die Farbe gagalgöb ['gagɐɫgœb]. Wenn die Mama mit ihrem Kind kuschelt (waun si ia kind o-schnudld) und die beiden die Wangen aneinander reiben, sagt sie: ei-ei! stoßen sie mit den Stirnen zusammen (midn hian), sagt sie: bogga-dusch! plumpst das Kind auf seinen Popo, sagt sie: bumsdanazl! ['bumsdaˌna:tsɫ]. Wenn es bereits laufen kann und hinfällt, sagt sie: hosd a mausi gfaungd? springt das Kind übermütig auf und ab, kommentiert sie es vielleicht mit den Worten: hubbfde-wi-schbringdde! wenn es draußen kalt ist, sagt sie: huschi, wenn sie das Kind dann ganz dick anzieht, sagt man, es ist au-bemmad [ˈɑ̃bem:ɐd]. Beim Essen seines Breis bekommt das Kind ein drenzbaddal (Lätzchen) umgebunden. Meist geht es nicht ohne zu patzen, dann sagt die Mutter: du bozznlübbe! (oder auch: bozznjanka) und wenn das Kind schon selber ist und das Essen allzu hastig in sich hinein stopft, sagt sie: baumbf ned so!

Babys lachen gern und die Erwachsenen stehen drauf. Um das Lachen hervorzurufen gibt es unzählige Möglichkeiten, eine davon: rend a mausi üwas hausi, wo wiads rosdn? do im kosdn! dabei kitzelt man das Kind von den Fingern oder vom Bauch beginnend, bis man schließlich bei 'da im Kasten' unterm Kinn endet. Oder der Erwachsene versteckt sein Gesicht, um es gleich darauf wieder zu zeigen, er ruft dabei gugu! dscha! Oder man kitzelt das arme Kind einfach und sagt dabei gizi, gizi! Hat sich das Kind dann vor lauter Lachen verschluckt (fakuzzd) kann man sagen: kuzz, kuzz! oder es bekommt Schluckauf vom Lachen, den nennt man dann schnagal-schdessn ['ʃnagɐɫˌʃtəs:n] (Erwachsenen sagt man übrigens im Falle eines Schluckaufs, dass jetzt gerade jemand an sie denke...)

wuli-anddi, bibbi-hendi und muu-kuli - für Kinder erfand man immer schon neue Namen für die Tiere, die ihnen so begegnen, in dem Fall  Enten, Hühner und Kühe. daneben gibt es noch: miizi-kazzi, wauwau, i-aa und nudschi-fali (das Schweinchen). Ein weiterer Name für die Ente ist dugg-anddal ['dug:antɐɫ] - hier stand wohl Walt Disney's Duck-Familie Pate. 

bussi schiggn
Was vor allem größere Kleinkinder gar nicht so mögen, ist das zwiggabussi, beim Zwickerbussi packen die Erwachsenen beide Backen beim Schmatz auf den Mund. bussi gschdoin, also gestohlen sagen sie, wenn sie das Kind mit einem Schmatz überrascht haben. bussi schiggn (schicken) - oder neuerdings: lufdbussi ist die bekannte Kusshand: Ein Kuss auf die Finger und den dann "wegblasen". Handelt es sich um eine Verabschiedung, sagt oft jemand zum Kind: dua babaa-winggn! also in etwa: winke zum Abschied!

Wenn die Kleinen dann größer sind, sagt man zu ihnen: schnibbfa, düwe, rozbua, lausbua (zu de buam) oder a o-draade, frozz, rozmensch, lausmensch (zu de menscha) Schnipfer ist ein anderes Wort für Lausbub, Dübel nennt man unter anderem eine Beule am Kopf und Rotzbub ist eigentlich ein Schimpfwort, wenn der Junge rotzfrech war. o-draad heißt abgedreht, das soll heißen, das Mädchen hat den Dreh raus, wie man eine bestimmte Sache von den Erwachsenen bekommt. Man sagt oft: nau du bisd owa a gaunz a o-draade.

benzzn, biizln, diidschad sei - benzen ist eine wirklich nervtötende Art um etwas zu betteln, und wenn man es nicht bekommt, mündet es oft ins bitzeln. Das ist ein bestimmtes Kinderweinen: wenn das Kind nur mehr angestrengt zu weinen versucht, um seinem Anliegen Nachdruck zu verschaffen. hea auf zum bizln, du hosd heidd scho drei eis ghobd, du griagsd kans mea! wenn es aber trotzdem darauf beharrt, darf man mit recht behaupten, es sei trotzig: sei ned so diidschad!

Früher gab es viele Verbote für uns Kinder, aber auch viel mehr Freiheiten. Mit zehn, zwölf waren wir den ganzen Nachmittag mit anderen Kindern irgendwo, meist in der Au oder auf einem Spielplatz, ohne dass die Eltern wussten, was wir trieben. Andererseits gab es viele Regeln: Zuhause durften wir nie ohne Hausschuhe (schlabbfm) gehen, sonst kam der zechnwuam und biss uns in die Zehen; wenn ein Kind schlimm war, kam der wuliwuk, um es zu holen, ging es zu nahe ans Wasser, sprang das miazznkeuwe heraus. Am Mittagstisch musste immer alles aufgegessen werden (ois zaumessn, damids muang schee wiad) - auch wenn es uns nicht schmeckte. Zu trinken gab es erst danach. Außer wenn wir Äpfel gegessen hatten, dann durften wir nichts trinken, weil wir sonst Bauchweh bekommen hätten.

Gewaltfrei war die Erziehung früher nicht. Als in den 70ern langsam die Idee aufkam, Kinder ohne Schläge groß zu ziehen, wurde das zuerst kopfschüttelnd als diese antiautoritäre Erziehung dieser langhaarigen Kommunen-Typen abgelehnt. In vielen Familien hing ein Teppichklopfer im Abstellraum, obwohl überall nur Spannteppiche lagen.

waadschn, fozzn, dedschn, floschn sagt man zur Ohrfeige. in hinddan ausghaud (den Hintern versohlt) bekamen schon die kleinen Kinder. Bis in die Sechziger Jahre sagte man auch wixx griagn - wichsen bezeichnete nämlich das Putzen von Schuhen und Stiefeln, und die Handbewegung bei dieser körperliche Züchtigung erinnerte anscheinend daran (heute kommt dieses Wort in dieser Bedeutung nur mehr in der Wendung mia hods ane gwixxd - ich hab einen elektrischen Schlag bekommen - vor). du bedlsd heidd wida um a waadschn (du bettelst heute wieder um eine Ohrfeige) sagte die Mutter, oder du beidlsd aum waadschnbam (am Watschenbaum rüttelt man so lange, bis eine runter fällt). Oder: giwa rua sunsd schnoizzds! (...sonst schnalzt es) oder ...sunsd gleschds! oder ...sunsd schewads (...scheppert es). Manchmal wurde gleich a baggl hausdedschn angedroht - eine Packung Haus-Tetschen. Wollte die Mutter aber nicht selber zuschlagen, sagte sie: nau woadd nua bis da fodda hamkumd! (na warte nur bis Vater heim kommt!) Vom Familienoberhaupt hat das zu strafende Kind dann uandlich wosch griagd (Wasch kriegen kommt von waschen - eine Abreibung also)

Spiele

Bevor es Spielkonsolen gab, spielten Kinder mit ihresgleichen, meist draußen. Statt Scooter gab es Tretroller und statt Facebook gab es die Türklingel. 

bummawizzl
dradiwawal ist der immer noch beliebte Kinderkreisel. Das Wort bedeutet übrigens: dreh dich, Barbara!

bummawizzl - Stehaufkreisel  ist ein Kreisel, der sich auf den Stiel stellt, wenn er gedreht wird.  

hudschbfead  - man sagt heute noch: grinsn wiara frisch lakiads hudschbfead. Als man mich 1964 auf das Pferd - eigentlich ein Esel - setzte, war mir anscheinend nicht zum Grinsen zumute.

nochrena - Fangen durfte man jemanden nur, wenn er oder sie nicht im hugalili war.        

schneida, schneida leich ma d schea! Schneider, Schneider, leih mir die Scher' kann nur im Freien gespielt werden: alle Kinder suchen sich einen Baum, Ein Kind, das vorher bestimmt wurde, geht von einem zum anderen und sagt: schneida schneida leich ma d schea! Der/die Angesprochene sagt so was wie: do drübn liegds! Inzwischen müssen alle Kinder ihren Baum wechseln und das scherensuchende Kind versucht, einen unbesetzten Baum zu erhaschen.

ollas wos fliagln hod fliagd sagt ein bestimmtes Kind und hebt dazu beide Hände in die Höhe, dann sagt es verschiedene Begriffe wie z.B.: a aumschl fliagd, a flugzeig fliagd, a auddobus fliagd... und hebt dazu immer die Hände hoch. Alle anderen Kinder müssen ebenfalls die Hände heben - aber nur bei jenen Dingen, die wirklich fliegen, wer einen Fehler macht, ist draussen.

reiwa und schandaam - Räuber und Gendarm. Bis 2005 gab es in Österreich außerhalb der Städte die Bundesgendarmerie, die für Ruhe und Ordnung sorgte. (gens d'armes heißt wörtlich Leute der Waffen)

gummi-hubfm - Gummi-Hüpfen wurde praktisch ausschließlich von Mädchen gespielt: ein langes Gummiband wird von den Beinen zweier gegenüber stehenden Spielerinnen gespannt, ein drittes Mädchen hüpft einen vereinbarten Rhythmus zwischen oder auf den Gummibändern.

o-nemma
onemma - Abnehmen nannten wir das weltweit bekannte Faden-Spiel, bei dem es darum geht, durch besondere Griffe eine Schnur, die um die Finger des Gegenübers geschlungen ist, "abzunehmen", sodass sie wieder eine Figur um die eigenen Finger bildete. Stichworte: wiang, bedd, wossa, hosndraga.

dembbe-hubfm
dembbe-hubfm - Tempelhüpfen ebenfalls seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden wird dieses Spiel auf der ganzen Welt gespielt.

gliggas
gliggas - Klickers (eigentlich: Klick-Klack) hieß eine kurze aber lautstarke Modeerscheinung in den Siebziger-Jahren, die eigenartigerweise nie ein Revival erlebt hat, was den Handgelenken der Kinder sehr zugute kommt: Ziel des Spieles war, die beiden Kugeln abwechselnd unter- und oberhalb der Hand zusammenschlagen zu lassen. Verfehlte man den genauen Anschlagpunkt auch nur um Millimeter, knallte man sich die Dinger schmerzhaft gegen die Handgelenke, die bald dick geschwollen waren. Bei den älteren St.Pöltnern hat sich das Wort noch in einem anderen Zusammenhang erhalten: Die Form erinnert an einen anderen Körperteil und ebenfalls schmerzhafte Erlebnisse (ea hod eam ane auf de gliggas ghaud...)

zenaln ['tsenɐɫn] - Zehnerln hieß das Spiel, bei dem ein Ball gegen eine Wand geworfen und wieder aufgefangen wurde, wobei sich der Schwierigkeitsgrad von Durchgang zu Durchgang steigerte, indem z.B. dazwischen in die Hände geklatscht oder eine Drehung vollführt werden musste

bfidschibfeu - die Pfidschi-Pfeile haben wir uns zum Indianer-Spielen immer selbst mit dem doschnfeidl (Taschenmesser) geschnitzt, den Bogen aus einem frischen Ast und einer Schnur gebastelt (weil: an feidl und a schnua hod jeda richdige bua)

fidschigogaln oder bfidschigogaln war der beliebteste Pausen-Sport in der Schule: Spielfeld eine Schulbank, der Ball war ein 10-Groschen-Stück, die Spieler waren zwei Geodreiecke. Na die hatten bald Ecken, dass keine gerade Linie mehr damit zu ziehen war!





Montag, 5. August 2013

Redensarten und Redewendungen - Teil 2


hods di oda griagds di? [ˈhɔdsdɪoda ˈgʀiɐgdsdɪ]  -  (hat es dich oder kriegt es dich?) spinnst du? 

eine Floskel, mit der man rasch und eindringlich auf eine Handlung eines lieben Mitmenschen reagiert, die man auf keinen Fall als normal und an die Situation angepasst erachtet. Während dies jedoch noch beinahe liebevoll klingt, hört sich die folgende Frage schon ernsthaft besorgt an:

haums di griassn lossn?  -  haben sie dich grüßen lassen? (hat dir jemand Grüße ausrichten lassen?) heißt soviel wie: bist du jetzt komplett wahnsinnig geworden?

is des a keadsi? [ˈkeɐtsɪ]  -  (ist das ein Gehört-sich?) benimmt man sich so?

hier sehen wir übrigens sehr schön, wie frei der Dialekt mit der Grammatik umgeht: manchmal werden Wörter oder Wortgruppen zu Substantiven h.c. ernannt: da keadsi (das gute Benehmen), da waun ("das Wörtchen wenn" siehe hier), a haha (ein lächerlicher Mensch), a draumined (ein Traumichnicht, also ein ängstlicher Mensch), oder auch da muas:

mid muas ged goanix  (mit Muss geht gar nichts)  man kann nichts erzwingen

etwas mit Muss machen  heißt: sich zu einer Sache zwingen, etwas unbedingt machen wollen, das aber anscheinend nicht so leicht geht. des muas do gee! das muss doch gehen! mag man angesichts eines Problems ausrufen, und dein Kollege sagt darauf: mid muas ged goanix.

auf jo und na  oder: auf jona [ɑf jɔ und na:] [ɑf 'jɔna] - (auf ja und nein) im nu,  eh du dich versiehst

so schnell kann's gehen, ehe man ja und nein sagt, ist es auch schon passiert:  auf jo und na is da summa wida fuabei  und eh du dich versiehst, ist der Sommer wieder vorbei. jezd ligd des buzzal no im kindawogn - owa auf jona wiads söwa rena  jetzt liegt das Baby noch im Kinderwagen - aber im nu wird es selbst laufen können.

do samma üwa ... redad wuan  -  da kam das Gespräch auf ...

das sagt man zum Beispiel im Bericht, wie man kürzlich die Nachbarin getroffen hat und über jemanden geredet hat: neilich howi di Nawratil droffn unddo samma so üwan Berger redad wuan, hosddu gwusd, das dea... und schon wird fröhlich die Schmutzwäsche anderer Leute gewaschen. Grammatikalisch betrachtet, zeigt dieses Beispiel, wie im Dialekt das Partizip I verwendet wird: redad = redend.
 
ge, sei so gniawaach... [ ˈgniɐva:χ]  -  geh, sei so knieweich... dann folgt eine Bitte, also etwa: sei so gut und... mach mir den Gefallen und...

eigentlich bedeutet "knieweich" ängstlich, desperat; in manchen St.Pöltner Familien hat sich aber lustigerweise diese Verwendung eingebürgert:  ge, sei so gniawaach und bring mar an kafee mid!  komm, sei so gut und bring mir einen Kaffee mit!

des zead si! - das ist cool!

...ist leider bereits ausgestorben. Diejenigen von uns, die in den 70ern des vorigen Jahrhunderts zur  Schule gingen, kennen es vielleicht noch: es war der Superlativ, der dann mit Ausstrahlung der Quizsendung "Dalli Dalli" von Spitze! abgelöst wurde.


Sonntag, 4. August 2013

Redensarten und Redewendungen - Teil 1


Diesen Sommer gab es auf Radio Niederösterreich wieder einen Sommersprachkurs "Niederösterreichisch für Fortgeschrittene" - das hat mich dazu animiert, nach weiteren Sprüchen aus unserer Umgebung zu suchen. Darunter sind einige sehr alte, die wahrscheinlich nur die betagten St.Pöltner - so wie ich - kennen.

dea faschded jo schdod begg buglkoab - der versteht ja statt Bäcker Buckelkorb

das sagte meine Großmutter, wenn jemand ein Wort völlig falsch verstanden hatte. Der buglkoab war ein großer Korb, in dem die Bäcker ihre Produkte transportierten. Der Buckelkorb war ein weit verbreitetes Transportmittel - ganz ähnlich wie heute der Rucksack.

du kaunsd mi buglfümfaln  [bugʎ'fymfaɫn] - du kannst mich mal...

die höflicheren Menschen vermieden gern derbe Ausdrücke wie in diesem Fall beim Götz-Zitat. fümfaln bezieht sich stattdessen auf die fünf Buchstaben des Wortes für den Körperteil, der am Ende des bugls, also des Rückens beginnt.

dea ged ei wiara bemische leiwaund - der geht ein wie Böhmische Leinwand

Leinwand nennt man ein Leinengewebe in Leinwandbindung (und das hat nichts mit dem Wienerischen "leiwand" zu tun). Anscheinend genoss die Böhmische Leinwand einen schlechten Ruf, was die Größenbeständigkeit beim Waschen betraf, sie lief leicht ein. dea ged ei wiara bemische leiwaund sagt man über jemanden, der unter Druck sehr leicht nachgibt, der klein beigibt, wo Standhaftigkeit gefragt wäre.

amoi da gigl amoi da gogl  [gigʎ] [gɔgʎ] - einmal der eine, dann wieder der andere

in dieser Redewendung schwingt ein bisschen der Wunsch mit, dass es so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit geben möge: amoi da gigl amoi da gogl sagt man vielleicht, wenn diesmal die Heimmannschaft verloren hat - nächstes mal wird sie sicher wieder gewinnen. 

i bin no im wiglwogl [vigʎ'vɔgʎ] - ich bin noch unentschlossen

sehr anschaulich stellt dieses Sprachbild die Verfasstheit des Sprechers dar: wie etwas, das im labilen Gleichgewicht ruht, wackelt, und schließlich auf die eine oder andere Seite kippen wird.

wea laung frogd, ged weid ia - wer lange frägt, geht weit in die Irre

das ist ein richtig subversiver Spruch, er wird nämlich genau dann getätigt, wenn es um die Frage geht: ist das erlaubt? Darf man das so machen? aa woos! ist die Antwort, wer jetzt lang Fragen stellt, kommt sicher nicht ans Ziel, also tun wir es einfach, ohne viel Aufhebens zu machen.
 
waun da waun ned waa, wa da kuadreg a budda - wenn das Wörtchen wenn nicht wäre, wäre Kuhdreck Butter

viele verarmte Arbeiter konnten sich früher Butter nicht leisten, sie mussten billige Surrogate wie Margarine aufs Brot streichen. Wenn es nur um die Streichfähigkeit ginge, könnte man ja auch ein anderes billig zu habendes Rinder-Produkt verwenden, dachte sich wohl der Erfinder des Spruches, wenn nur der Geschmack... waun da waun ned waa! sagt man einem Menschen, der darüber lamentiert, dass er dies und jenes ja erreicht hätte, wenn nur ...



Dienstag, 10. April 2012

s essn

 

Essen vor der Erfindung der Tiefkühlpizza


Zu behaupten, es gäbe eine eigenständige St.Pöltner Küche, ist natürlich Unfug. 1848 hatte St.Pölten gerade mal 4500 Einwohner, erst nach der einsetzenden Industrialisierung stieg die Bevölkerung sprunghaft auf eine Größe von fast 22000 im Jahr 1922.
Die Küche in der Stadt war daher hauptsächlich die Küche einfacher Industriearbeiter. Die St.Pöltner aßen, was auch im Umland und in Wien gegessen wurde: die Österreichische und Böhmische Küche.

Die Reihenfolge war immer Suppe - Hauptspeise (-Nachspeise) Andere Vorspeisen außer Suppe waren selten, manchmal gab es sogar Mehlspeisen als Hauptspeise. Ein Salat war immer dabei. Ja und die Getränke bekamen wir als Kinder immer erst nach dem Essen.

subbm (Suppe)


a schdoosubbm [ˈʃto:sub:m] - Stohsuppe. Für die Zubereitung wird Wasser mit Kümmel aufgekocht, Sauermilch und Sauerrahm mit dem Mehl glattgerührt, in das kochende Wasser eingerührt und mit Salz und Pfeffer abgeschmeckt. In der Suppe können auch kleine Kartoffelstücke mitgekocht werden.


gulaschsubbm - Gulaschsuppe. In Ungarn wird ausschließlich die Suppe mit „Gulyás“ bezeichnet, das im deutschen Sprachraum mit „Gulasch“ benannte Schmorgericht heißt jedoch Pörkölt.

baradeissubbm - Tomatensuppe

rindsubbm oder hendlsubbm - Rindsuppe, Hühnersuppe

eidrabfds [ˈɛ̃dʀapfts] - Eintropfsuppe (oder Einlaufsuppe, wie sie in D genannt wird - nein, auch dort wird sie über den Mund zugeführt). Aus Ei und Mehl wird eine zähflüssige Masse gerührt und in die kochende Suppe getropft.

Weitere beliebte Suppeneinlagen waren

boggeabsn [ˈbɔg:əɐbsn] - Backerbsen werden seit den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts wohl nur mehr fertig gekauft.
griasnoggal [ˈgʀiɐsnog:aɫ] - Grießnockerl (in D: Grießklößchen)
lewagnedl [ˈlevagnedɫ] - Leberknödel (in Böhmen: játrové knedlíčky)
fridaddn [fʀiˈdad:n] - Frittaten (Achtung, das a ist kurz und betont, also eigentlich sollten sie Fridatten heißen ;-) in D: Flädle- oder Pfannkuchensuppe genannt, in Ungarn palacsintatésztaleves. Eierkuchen, also Palatschinken, werden gerollt und geschnitten und kurz vor dem Essen in die Suppe gegeben.  
lungenschdrudl - Lungenstrudel besteht aus einem Strudelteig, der mit faschiertem Beuschel (also Lungenhaschee) gefüllt ist.

haubdschbeis (Hauptspeise)


eibrende fisoin [ˈɛ̃bʀendə fiˈsoɪn] - grüne Bohnen in Einbrennsauce. Aus einer Einbrenne (Mehlschwitze) und Suppe wird eine Sauce gemacht, in die die gekochten Fisolen gerührt werden.
kööch [kœ:ç]- Kohl, in D: Wirsing. Meistens auch eibrend (eingebrannt) 
kochsolod - Kochsalat ist Römersalat als Gemüse gedünstet. 
kafioe - Karfiol (D: Blumenkohl) 
schmoan, eadöbfeschmoan oda keisaschmoan - Schmarrn gabs immer wieder auch als Hauptspeise. Der berühmte Kaiserschmarrn ist ein Teig aus Milch, Eiern und Mehl, der in Butter gebacken und dann in kleine Stücke zerteilt wird. Was nicht fehlen darf: Staubzucker. Worüber schon Ehen zerbrochen sind: Rosinen ja oder nein.
geamgnedl - Germknödel sind große Knödel aus Hefeteig, gefüllt mit Powidl (aus tschechisch povidla -  ein Mus, das aus den Früchten der Zwetschke hergestellt wird) und mit Mohn, Staubzucker und zerlassener Butter übergossen.
 
Häufig nur am Wochenende gab es Fleisch: rindfleisch, schweinanes (Schweinefleisch), hendlfleisch (Hühnerfleisch), aber auch: a köwanes (Kalb), a schöbbsanes (Hammel), an kiniglhosn (Kaninchen), an indian (Truthahn), a anddn (Ente), a wüüd (Wildbret) - öfters aber auch Fisch.

schnizl - schweinsbrodn - gulasch ist die heilige Dreifaltigkeit in unserer Küche:

schnizl - Schnitzel wurden meist als Wiener (jedoch vom Schwein anstatt vom Kalb) gebacken, also mit einer Panier aus Brösel, dazu eadebbfe (Kartoffeln). Auf das Fleisch ein paar Tropfen Zitrone, das wars. Daneben gab es aber auch nadurschnizl, rindsschnizl und hendlschnizl 

schweinsbrodn [ˈʃvɛnsbʀɔdn] - Schweinsbraten (in D: Schweinebraten) Idealerweise von der Schulter, immer kräftig mit Kümmel und Knoblauch gewürzt. Ohne Kümmel findet man den Schweinsbraten nur westlich von Oberösterreich - also in einer Gegend, von der man getrost annehmen kann, dass man ihn dort nicht richtig zubereiten kann.
In unserer Gegend sind Semmelknödel oder Serviettenknödel als Beilage Pflicht (Kartoffelknödel sind nur in Ausnahmefällen erlaubt)

gulasch oder auch golasch ausgesprochen - das bekannte Gulasch. Obwohl das Wort aus dem ungarischen stammt (Gulyás), heißt dort das Gulasch Pörkölt. Gulasch ist ein Ragout, das aus Rind- oder Schweinefleisch, auch kombiniert, zubereitet wird. Bei allen Rezepten spielen Paprika und Zwiebeln, Kümmel und Knoblauch eine wesentliche Rolle. (Alles was in Deutschland als Gulasch angeboten wird und keinen Paprika oder Kümmel enthält, ist kein Gulasch!)
Der große Vorteil von Gulasch ist: es wird mit jedem Aufwärmen besser!

schdözzn [ʃtœ̆tsn] - die Schweinsstelze ist in Bayern als Schweinshaxe und in Deutschland als Eisbein bekannt. Bei uns wird sie im Backofen (im "Rohr") zubereitet, wodurch sich die Schwarte in eine wunderbar mürbe Kruste verwandelt.

graudfleisch - Krautfleisch ist Schweinefleisch in Sauerkraut gedünstet.
reisfleisch - Reisfleisch  ist ein Gulasch, das mit Reis fertiggedünstet wird
karee [kaˈʀə:] - Karree nennt man in der Pfanne oder auf dem Grill gebratene Rippenstücke. Man sagt auch  kodledd [kɔdˈɫət] - Schweinskotelette dazu 
beischl - Beuschel  ist Lungenhaschee und wie alle Innereien nicht jedermanns Sache. Siehe dazu auch: http://www.spiegel.de/reise/staedte/0,1518,488779,00.html 
suiz - Sülze  Schweineschwarten, -füße oder -schweife in Aspik. Naja, auch nicht jedermanns Sache.
gresde lewa - heißt geröstete Leber (es soll aber auch schon anders verstanden worden sein - ein Mann bestellt im Lokal: hea owa! i hed gean di gresde lewa. Darauf sein Freund: nau daun bringans mia hoid di zweiddgresde!)

rindsroladen - Rindsrouladen. Fast jede Hausfrau (und wahrscheinlich jeder Hausmann) besitzt bei uns eine Anzahl von Rouladenklammern, die bei der Zubereitung der Rindsrouladen gebraucht werden. Bei uns werden die Rouladen mit Essiggurken, Speck und Karotten gefüllt. 

fleischlawal mid eadebfebüree [ˈflɛʃlavaɫ mid ˌəɐdəbfəbyˈrə:] - ebenfalls ein Klassiker sind Fleischlaberl oder Faschierte Laibchen (ungarisch: fasírozott) Das sind Hackfleisch - Laibchen, in der Regel von Rind und Schwein. Dazu immer: Kartoffelpüree. 

saumaasn - Saumaisen. Zur Zubereitung werden geselchtes Teilsames (Stücke von Pökelfleisch) oder geselchter Schopfbraten (Schweinenacken) mit Zwiebeln und Knoblauch mehrfach durch den Fleischwolf gedreht, mit Paprika, Zitronenschale, Salz und Pfeffer gewürzt, die Masse zu Knödel geformt und in gewässerte Stücke von Schweinenetz gebunden. Nachdem sie einige Stunden gekühlt wurden, werden sie gekocht oder im Backofen gebraten und meist mit Sauerkraut und Kartoffeln serviert.


düngreidlsoss Dill-Sauce. Manche hassen sie, für manche ist es die beste Speise der Welt. Immer dazu: gekochtes Rindfleisch, meist Schulterscherzl oder Tafelspitz

semmegree [ˈsem:əˌgʀẽ] - Semmelkren. Ebenso verhält es sich mit dieser Speise, einer Mischung aus geriebenen Semmeln und Meerrettich. Auch dazu gibt es meistens Tafelspitz.

sauagraud - zum Sauerkraut gabs häufig a gsöchds (Geselchtes = gekochtes geräuchertes Fleisch)
blaugraud - dass das Rotkraut bei uns Blaukraut heißt, kann an der Zubereitung liegen. Rotkraut ist nämlich ein guter pH-Indikator. Wie Lackmus reagiert es mit einem Farbumschlag von Blau zu Rot auf eine Änderung des Säuregehaltes

solod (Salat)

andüfesolod - Endiviensalat
habbesolod - Häuptelsalat heißt der Kopfsalat in Ö

eadebfesolod - Kartoffelsalat
guaggnsolod - Gurkensalat
graudsolod - Krautsalat
kinakoi - Chinakohl

nochschbeis (Nachspeise)


bochane meis - gebackene Mäuse sind nicht das was man befürchtet, es ist eine Mehlspeise aus in  Öl gebackenem Teig
buchdln mid an bowidl drin - Buchteln mit Powidl  eine Mehlspeise aus Hefeteig, gefüllt mit Powidl (siehe Germknödl) Häufig werden sie mit heißer Vanillesauce übergossen.

holaresda oda holaridscha oda holakoo - also Hollerröster, Hollerkoch  nennt man eine Speise, die aus den gekochten Beeren des Holunders gemacht wird

zua jausn oda zum nochdmoi (zur Jause oder zum Abendbrot):


wuaschd: a diare, a boinische, a exdra, a graggaua -Wurst: Dürre, Polnische, Krakauer
kaas: gwaagl, gauda, geheimrodskaas - Käse: Quargl, Gauda, Geheimratskäse
schofkaas - Schafkäse (immer Schafmischkäse)
a brod mid reddich - Rettich hießen bei uns die Radieschen




Montag, 2. April 2012

Aufdraan, meuddan, namen

 

Schimpfen in St.Pölten


schimbfm - schimpfen ist eine notwendige und meist harmlose Möglichkeit, anderen Menschen ihre Grenzen aufzuzeigen. Wie in Österreich allgemein üblich, wird die Schimpfe nicht immer an den Adressaten gerichtet, sehr häufig wird "einfach geschimpft" - über die Regierung, über die anderen Autofahrer und natürlich über die Jugend von heute. Vielleicht weiß der Österreicher instinktiv, dass Schimpfen auch eine biologische Funktion haben kann, wie man bei manchen Tieren sieht:
Amseln machen sich zum Beispiel lautstark bemerkbar, wenn eine Katze durchs abendliche Gebüsch streift - man sagt dann: de aumschln schimbfm

schimbfads  ist das zugehörige Substantiv. Es ist ein Pluralwort und kommt in solchen Sätzen vor: nau, hosd schimbfads griagt? wörtl.: Na, hast du Schimpfe bekommen?


Der St.Pöltner und die St.Pöltnerin schimpfen und fluchen nicht viel anders als der Rest Ostösterreichs; zusätzlich können aber doch ein paar Wörter festgestellt werden, die andernorts nicht so häufig oder bekannt sind.

modschgan - matschgern ist in ganz Ostösterreich bekannt und bezeichnet ebenfalls diese liebgewonnene Angewohnheit der Österreicher, seinen Unmut als akustische Duftwolke vor sich herzutragen, in der Hoffnung, ein Beschuldigter würde es hören und sogleich beschämt Asche auf sein Haupt streuen.
meuddan sagten wir in St.Pölten zum Matschkern.

köwen - keppeln und keiffn - keifen nennt man das bei einer Frau

aufdraan - aufdrehen. Im Gegensatz zum schimbfm ud meuddan kann man aufdraan nur mit einem Gegenüber. Dieser Begriff bezeichnet jenen, von erhöhtem Adrenalinspiegel begleiteten Gemütszustand in dem man mit seinem Gesprächspartner wirklich laut wird. denan dazöl i wos! kündigt man diese Aktion manchmal an, um dann hineinzukrachen und ihnen die Meinung zu sagen; draa ned oiweu so auf mid mia!, sagt der Ehemann, nachdem ihn seine Angetraute wieder einmal lautstark zurecht gewiesen hat. Lässt er sich allerdings auf den Ehestreit ein, sagen die Nachbarn: de hachln scho wida die streiten sich schon wieder.

zaumscheissn - während aufgedreht nur mit gleichgestellten oder sogar vorgesetzten Personen wird, kann man Untergebene nur zurechtweisen, indem man sie zaumscheissd; denan weri de wadl no fire richdn kündigt man diese Unternehmung an (denen werde ich noch die Waden nach vorne richten)

namen


namen - nameln, also jemanden mit (nicht sehr schmeichelhaften) Namen bedenken nennt man das zentrale Element eines Streites.

Beginnen wir bei den liebevollen, oder zumindest nicht allzu groben Schimpfnamen, wie sie Kinder oft zu hören bekommen (oder bekamen - leider sterben auch diese Wörter langsam aus)

bodschochda - einer der eine simple Sache nicht hinkriegt; das ist ein mitleidiger Ausruf einer Mutter, wenn das Kind z.B. nicht in den Ärmel der Jacke findet: nau du bodschochda, woadd i hüf da!

bodschada glachl! - patscherter Klachel also Tolpatsch! ruft man, wenn jemandem ein dummes Missgeschick passiert, wenn er also ein Glas fallen lässt oder eine Vase umstößt. In diesem Ausruf schwingt schon ein gerüttelt Maß an Ärger mit, oft folgt ein böses kaunsd ned aufbassn?

didschad - starrköpfig, stur, und zwar auf eine gewisse egoistische Art, wie es Kinder manchmal sind: jezd sei ned so didschad und gib den aundan kinda a wos! sei nicht so stur und gib den anderen Kindern auch was ab! Aber auch Erwachsene können so sein, vor allem, wenn sie darauf beharren, dass etwas so und genau so gemacht werden muss.

bowal nennt man jemanden, der durch und durch verweichlicht ist; sei nicht so mädchenhaft würde man in rauen Männerrunden zu so einem sagen. Muttersöhnchen ist auch ein passender Begriff, denn eine Mutter kann ihren Sohn schon fabowaln also viel zu fürsorglich erziehen.

feedseulig  (nasal gesprochenes ee) ist boshaft. Man sagt das über Kinder, die andere absichtlich ärgern oder ihnen schaden (wos zfleis mochn): sei ned so feedseulig zu dein bruada! Sei nicht so boshaft zu deinem Bruder!

grawuddisch werden Eltern wegen ihrer schlimmen Kinder: moch mi ned grawuddisch! schimpft die Mutter, du bedlsd heidd wida um a wadschn! Mach mich nicht zornig! du bettelst heute wieder um eine Ohrfeige! Aber auch bei der Arbeit kann man grawuddisch werden, wenn man, weil irgendetwas nicht gelingt, ganz zornig wird. Man kann dann auch sagen: i griag an gizi!

wuzal oder breggal - Wuzerl oder Bröckerl sagt man zu einem dicken Kind,
gribbegschbüü oder zniachdl zu einem allzu dürren,
gschraazn ganz allgemein zum jungen Nachwuchs (gschraa ist das Geschrei)

gaachzuanig - wer jähzornig ist, kann dann schon folgende, weniger nette Wörter verwenden:

hianedal - wörtlich: Hirn-Ederl: Dummkopf

gscheada  bezeichnete ursprünglich eine Person aus der Landbevölkerung („Gescherter“=Geschorener, weil die Bauern, im Gegensatz zur Mode in der Stadt, kurzes Haar trugen) in St.Pölten allerdings, wurde diese Beschimpfung – weil man sie selbst öfters zu hören bekam – umgekehrt und gegen die Wiener verwendet. „a gscheada Weana“ ist die vollständige Bezeichnung. heasd! dea foad gegn d einbaun! asso, des is a gscheada Weana, des is e gloa. He, der fährt gegen die Einbahn! Achso, das ist ein gscherter Wiener, das war ja klar!

baazi oder boidi (Leopold) sind weitere nette Bezeichnungen für den Einwohner der Bundeshauptstadt. Auch: weana baazi!

 
grezzn Kretze heißt eigentlich Wundschorf oder Ekzem, jedenfalls eine unangenehme Hautveränderung. Genauso unangenehm für die Mitmenschen ist eine grezzn, weil eine solch Person es mit Ehrlichkeit und Moral nicht so genau nimmt.

dodl - Dodel sagte man früher tatsächlich zu Menschen, die eine geistige Behinderung zeigten. Heute meint man damit Menschen, die zwar aller ihrer Sinne mächtig sind, aber dies sehr gut verbergen.

doim - Dolm weist darauf hin, dass dem Adressaten eine gewisse rurale Einfachheit nachgesagt wird.

dewanigl ist die Koseform von Depp

fuchdl - Fuchtel:  eine oide fuchdl ist eine alte herrische Frau (die mit den Händen ständig Anweisungen gibt, also herum fuchdeld)

musch heißt Frau auf Jenisch (das ist eine Sprache, die ein paar Kilometer westlich von St.Pölten gesprochen wird) und wird meist abwertend verwendet: di blede musch

bradlbabbad - breitmäulig. Dieses adjektiv kann getrost vor jedes Schimpfwort gesetzt werden

mamlas - so nennt man einen Menschen, der es verabsäumt hat, im richtigen Moment die Initiative oder das Wort zu ergreifen und stattdessen stumm und betreten da sitzt: siizd do wiar a mamlas und bringd s meu ned auf!

ramal  -  der hod jo a ramal!  der tickt ja nicht ganz richtig!

der hod an driisch in da kaunl!  (wörtlich: eine Delle in der Kanne) der hat nicht alle Tassen im Schrank.

bisd augrend? bist du wo gegengerannt?

haums di griassn lossn?haben sie dich grüßen lassen? (hat dir jemand Grüße ausrichten lassen?)  heißt soviel wie: bist du jetzt komplett wahnsinnig geworden?








Mittwoch, 29. Juni 2011

oaweidd

Exakte Sprache ist immer dann extrem wichtig, wenn man jemandem genau erklären will was er tun soll, aber man keine Hand frei hat, um zu gestikulieren, wie zum Beispiel bei der Arbeit.

Aus diesem Grunde wurde gerade im Arbeitsalltag eine Vielzahl von Begriffen geschaffen, die exakt beschreiben, was gemeint ist. Die Arbeiter haben aber niemals "Hochdeutsch" geredet, also sind viele dieser Wörter einfach nicht übersetzbar, außer man bedient sich einer ausführlichen Umschreibung.

gwaan - mein absolutes Lieblingswort aus diesem Bereich. Ich habe lange gesucht, aber keine schlüssige Erklärung für die Herkunft dieses Wortes gefunden, ich kann also keine "übersetzte" Schreibweise anbieten. Zur Bedeutung: gwaan bezeichnet eine Tätigkeit, bei der man auf die eine oder andere Art einen Hebel benutzt, um etwas zu bewegen oder zu verformen: man kann z.B. eine Tür aufgwaan, indem man eine Stange in den Spalt steckt und sie dann aufhebelt. Man kann eine Palette zur Wand zuwegwaan, indem man eine Stange unter die Palette schiebt und letztere durch Heben der Stange in Bewegung setzt. Man kann ein verbeultes Ende eines Rohres wieder in eine Runde Form bringen, indem man ein rundes Eisenstück ins Rohr steckt und es an den entsprechenden Stellen wieder ausbeult (aufgwaan)


umbeaddln umbördeln  ist das Umbiegen des Randes von Blechen zum Zwecke der späteren Verbindung zweier Bleche durch Falzen  oder um  Blechgegenstände zur bequemen Handhabung oder zum besseren Aussehen mit einem Rand zu versehen. siehe Lexikon der Technik


zaumm roaln (meidlinger L!) beschreibt die (unprofessionelle) Tätigkeit, bei der man mehrere Teile miteinander verbindet, indem man sie gemeinsam mit Draht umwickelt.

zaummschbeenln kann man etwas nur mit schbeenodln - Stecknadeln. zaumschbeenln heißt also, etwas (meist Stoffe) mit Nadeln zusammenheften.

zschbragln „zersprageln“ zerbrechen, zerspalten, zerbersten: schbragln sind längliche parallelliegende Überreste eines zerbrochenen Gegenstandes. Beim „Zersprageln“ müssen die Teile nicht unbedingt voneinander getrennt werden, sondern können an einer Stelle noch aneinanderhaften. du hosd den schraufm zweid aum raund einedraad, jezd hods de loddn zschbragld! du hast die Schraube zu nahe am Ende hineingedreht, jetzt ist die Latte zerborsten! Im übertragenen Sinn verwendet heißt es „zerfransen“ i kaummi jo ned zschbragln!  ich kann mich ja nicht zerfransen, ich kann nicht gleichzeitig hier und dort sein!

weangln ist eine nicht gerade professionelle Art, wie man durch wiederholtes hin- und herbewegen eines Werkzeuges oder -stückes in einer Öffnung, diese vergrößert. Danach ist die Öffnung, bzw. die Gesamtheit aus Öffnung und Bolzen (Welle, Stift etc. - z.B. ein Scharnier) ausgweangld.

in ream owareissn heißt in Ostösterreich, die Arbeit beenden, Feierabend machen. "Den Riemen herunter reißen" hat seinen Ursprung zu der Zeit, als noch alle Maschinen über sogenannte Transmissionsriemen angetrieben wurden: an der Decke der Maschinenhalle verlief eine zentrale stählerne Antriebswelle, von der die Kraft über lederne Riemen und gusseiserne Riemenscheiben zu den Maschinen übertragen wurde. Wollte man eine Maschine abstellen, musste man den Riemen mit einem Haken von der Scheibe "herunter reissen" siehe dazu bei Wikipedia Transmission

auf da laa-scheibm renna (auf der Leerscheibe laufen) sagt man demnach, wenn der Arbeisfluss unterbrochen ist, man aus irgendeinem Grund nicht weiter arbeiten kann.

reamfedd "Riemenfett" benutzte man, um das Durchrutschen auf der Scheibe zu verhindern.


schoeweanggad schief, mit Schlagseite



roglad  locker, es besteht die Gefahr, dass etwas ins rollen kommt: bass auf, das de baamschdemm ned roglad wean

goashaxn ("Geißfuß" - abgeleitet von der Klauenform der Paarhufer) ist ein Spezialwerkzeug zum Herausziehen von eingeschlagenen Nägeln.

meudda ist der Mörtel

leahaxn sind die Lehrlinge (in D: Azubis): wie der Name schon andeutet, werden sie sehr gerne für Laufarbeiten eingesetzt. Zu Beginn der Lehrzeit auch für solche, die dem Rest der Belegschaft zur Belustigung dienen: man schickt sie um die gwichda fon da wossawog - sie sollen also die Gewichter für die Wasserwaage besorgen, oder man ließ sie aus der Apotheke eine Flasche oxdradium holen, dieses Wort heißt einfach: Ochs, dreh dich um!

-

Für die - oft sehr schwere - Arbeit hat man viele Begriffe hier in Ostösterreich. Es scheint wie beim Teufel zu sein, den man auch nie mit seinem richtigen Namen nennen wollte.

oaweiddn: haggln, weaggn, bugln, roboddn, dschineun, barawan, si oraggan, schebbfn
hackeln hat es in Österreich im Wort Hacklerregelung bis in den Duden geschafft; werken und buckeln versteht sich von selbst; roboten kommt aus dem slawischen Sprachraum, wo robota einfach "Arbeit" bedeutet; dschineun kommt möglicherweise von dem ungarischen Wort csinál für machen; ein Baraber ist ein ungelernter Bauarbeiter. Das Wort kommt aus dem Tschechischen; "poroba" bedeutet Knechtschaft; abrackern und schöpfen sind sozusagen Fremdwörter, schöpfen sagt man v.a. in der Steiermark und in Kärnten.

Samstag, 7. August 2010

graung sei

Im Wartezimmer eines Arztes unterhalten sich zwei ältere Damen: songs, wo isn heidd de frau Gwabbil? de wiad do ned graung sei?

Wer sich mit St.Pöltnern über Krankheiten unterhalten will, muss einige neue Vokabel lernen.


graung heißt krank, also richtig krank, während man, wenn man nur leichtes Fieber oder Kopfschmerzen hat, höchstens marod ist. Ist jemand hingegen chronisch krank (hat er also ein Leiden), sagt man: ea is leidend

schdrauggn hat man, wenn einen der Schnupfen so richtig erwischt hat. Man fragt so jemanden gern: sog, wo hosd di den du so heagrichd? Wo hast du dich denn so hergerichtet? Manchmal weiß man den Grund: hosd di wida odeggd in da nochd! abdecken ist das Gegenteil von zudecken. Man ist also der Ansicht, dass das Fehlen der warmen Decke nachts die Ursache für die Erkältung ist. 

es zreissd eam nennt man es, wenn einer dann so richtig niesen muss. höfgod! oder höfdagod! wünscht man ihm darauf. Oder: höfgod dass woar is! (helfe Gott, dass es wahr ist!) Manchmal läuft der Dialog auch so ab, nachdem jemand geniest hat: "zreissn sois di!" "des gresde drumm soi di dreffn!" "des gödbeasl soi mi dreffn!" "daschlogn sois di!"

közzn heißt husten (als Verb), wenn man erkältet (faküüd) ist. Hat man sich aber nur Verschluckt und muss husten, heißt das i hob mi fakuzzd - zu kleinen Kindern sagt man dann: kuzz, kuzz! warum auch immer. Den Auswurf eines Kranken, der schleimigen Husten hat, nennt man schlaaz. Das ist kein schönes Wort. Die Grauslichkeit wird aber noch in folgendem Reim gesteigert: grea is da baaz fon an duwara-schlaaz. (grea=grün, baaz=zähe Masse, duwara=Tuberkulose-Kranker)

dasig oder dasdig kann einen das Fieber machen: dann fühlt man sich ganz benommen.

essigbadschal macht man, um das Fieber zu senken. Essig-Patscherl sind kalte Wickel: man tränkt ein Tuch mit kühlem Essigwasser und umwickelt einen Fuß, mit einem zweiten Tuch die gegenüberliegende Hand. Das wirkt sofort und senkt das Fieber um bis zu 1°

a jauggal - eine Injektion bekommt man, wenn kein Hausmittel mehr hilft. Dieses Wort kommt vom Wort  jauggn - jagen, hetzen,  welches auch (als einejauggn) im Sinn von:  etwas (also die Nadel) wo hinein"jagen" = mit hoher Geschwindigkeit hineinstechen - verwendet wird.

wimmal - Wimmerl sind die österreichweit bekannten Pickel. Man nennt übrigens auch ein Bauchtäschchen, das mit einem Gurt umgeschnallt wird so.

wean oder weam nennt man hierzulande das Hordeolum oder Gerstenkorn. Das ist eine meist eitrige Entzündung der Drüsen der Augenlider.

aufbrend sagt man, wenn die Haut oder die Schleimhäute entzündet oder gerötet sind: Der gerötete Babypopo ist das beste Beispiel. Früher wurden die Babys, um das zu vermeiden gschdubbd. Die schdubb (Stupp) ist das Babypuder. (aufbrend kann auch das gegenteil von obrend - abgebrannt -  sein. das bedeutet, dass jemand aufgrund geschickter Handhabung von Assekuranzen und Brandbeschleunigern einen finanziellen Vorteil aus einem Feuer zieht)

zidarich - Zitterich nennt man raue, trockene Stellen der Gesichtshaut. 

wimmara ist eine weitere Erkrankung der Haut, nämlich das Erythema solare - der allseits beliebte Sonnenbrand.

mundfeu - Mundfäule klingt sehr ekelhaft, aber es handelt sich dabei nur um "Mundecken", eine Infektion der Mundwinkel, die auftritt, wenn man aus einem fremden, nicht gut gereinigten Glas getrunken hat.

blodan - ("blådan" ausgesprochen) heißt Blase und hat - genau wie im Standarddeutsch - zwei Bedeutungen: erstens ist es die Bezeichnung für eine Blase (bulla), wie man sie z.B. an der Ferse durch unpassendes Schuhwerk bekommt, zweitens ist es die Bezeichnung für die Harnblase.
feichdblodan haben auch mit Blasen zu tun: Feuchtblattern heißen in Österreich die Windpocken

winddakiaschn - Winterkirschen  werden von manchen Leuten für Hämorrhoiden gehalten, mit denen sie - um die Seite der Bagger zu zitieren -  in etwa so viel gemeinsam haben wie das Gurkerl mit dem Leberkäse in einem Leberkäs-Semmerl. Nachdem Letztere den Verdauungsapparat erfolgreich durchschritten hat, können ihre schlampig gewischten Rückstände den idealen Grundstock einer „Autumnalis Rosetta“ bilden. Gemeinsam mit Haaren, Kleidungs- und Klopapierfusseln stellen sie die Haupt-Zutaten des unliebsamen Früchtchens dar.

biizln ist eigentlich das was kleine Kinder machen, wenn sie gewissermaßen zornig weinen (z.B. weil sie unbedingt den Eisschlecker haben wollen und ihn nicht kriegen) bitzeln ist aber auch die davon abgeleitete Bezeichnung für einen bestimmten Schmerz: Speziell die Handfläche kann einem bitzeln, nachdem man damit kräftig (wo auch immer) zugeschlagen hat.

bremasln (Betonung auf dem e!) hingegen ist ein prickelnder Schmerz, wie er zum Beispiel auftritt, wenn man mit einer Brennnessel Bekantschaft geschlossen hat, oder auch, wenn man sich - bei nicht allzu hoher Spannung (bis etwa 50V) - elektrisiert (bei höherer Spannung sagt man: es hod mi grissn, wenn man einen Schlag abbekommen hat) Auch wenn man sich das narische baa (den Nervus ulnaris am Ellenbogenhöcker) angeschlagen (aughaud) hat, bremasld das noch einige Zeit bis in den kleinen Finger. (Abgesehen von dieser Bedeutung, nennt man manchmal auch das brutzelnde, prasselnde Geräusch so, das durch einen schadhaften elektrischen Kontakt - z.B. in einer Steckdose oder Lampenfassung - verursacht wird.)

dogazn ist eine weitere Form des Schmerzes: diesmal handelt es sich um einen pulsierenden, pochenden Schmerz. (nicht zu verwechseln mit bogazn: das ist die pulsierende Bewegung eines Ringmuskels - z.B. bei Hühnern nach dem Eierlegen)

baumsdig - bamstig  nennt man eine Empfindung einer gwissen Gefühllosigkeit oder taubheit, wie sie bei Schwellungen oder einer Lokal-Anästhesie auftritt (das Wort kommt von dem ausgestorbenen Wort Bams, welches einen ausgestopften Sitz bezeichnete)

ofian - Abführen sagte man zu Durchfall

heazkaschbal - der Herzkasperl  ist gar nicht lustig, das ist nämlich der Herzinfarkt.

lungenbodschn - Lungenpatschen  ist der Lungeninfarkt. Ein Patschen ist ja ein platter Reifen. Genau so stellt man sich das bei der Lunge vor, wenn sie zusammen fällt.

fraasn war eine Bezeichnung für eine tödliche Erkrankung bei Kleinkindern, die mit Krämpfen und Zuckungen einher ging (Fraisen). Heute verwendet man dieses Wort nur in: do griag i jo glei di fraasn - ich dreh gleich durch. Zur Verstärkung sagt man auch: boggalfraasn

fuasmarod - fußmarod  kann man jeden nennen, der ein wenig haadschd, also hinkt oder auf eine andere Art gehbehindert ist. des schdiggal kaun i scho gee, i bin jo ned fuasmarod

s reissade - das Reißende  hat ein oida dagara, ein alter Tattergreis.